Der erste Film des Tages nimmt einen dann doch ein, wenn man es zugibt. Der andere war ein reinrassiger Fehlgriff.
Se eu fosse vivo…vivia | If I were alive (Brasilien, Regie: André Novais Oliveira)
Zu Beginn sehen wir Gilberto und Jacira als junges Liebespaar in den 70ern, das sich noch finden muss: Jacira ist sauer auf Gilberto – der dafür extra zu Hause ausgebüxt ist, um sie um Vergebung zu bitten. Die Geliebte geht mit dem Galan trotz Zwist tanzen. Am Ende der Partynacht erleben die beiden auf dem Heimweg ein Phänomen, dass den Film jäh umlenkt. Wir finden uns „50 Jahre später“ wieder.
Genau genommen erleben wir hier drei Filme und Stile, die nicht ganz verschmelzen wollen. Erst eine fast charmante, beginne Lovestory. Dann die lakonische Alltags-Elegie eines reiferen Rentner-Ehepaares in liebevoll schrulliger Vertrautheit. Man ist nicht mehr der/die Jüngste. Der Körper macht von sich reden.
Als dann bei einer Krankenhaus-Einweisung von einem der Beiden die Erzählweise unmerklich in fantastischen Realismus abbieg, später sogar Science Fiction – da mag der Zuschauer nicht mehr recht folgen – und zweifelt, was man sich bis jetzt angesehen hat. Langsam dahinfließendes Erzähltempo und nicht gerade zwingender Plot forderten bis hierhin eine Geduld, die langsam aufgebraucht wird.
Dass die Hauptdarsteller beinahe lapidar wie Laiendarsteller agieren, macht es nicht einfacher. Das mag auf gewünschten Realismus basieren – doch wie sagte Hitchcock so schön: abgefilmte Realität wirkt häufig unbefriedigend.
Es gab nicht viele Walk-Outs, doch es gab sie. Der zu Beginn frenetische und später immer noch beachtliche Jubel im Publikum ist eher Patriotismus anwesender ex-partria Brasilianern geschuldet.
Ich will dem Film einräumen, dass es ein Herzensprojekt war, wie wir im Anschluss von Regisseur Oliveira hören: Nach dem Tod seiner Mutter haben er und sein Vater (er stellt den älteren Gilberto dar) die Trauer in dem Skript und bei den Dreharbeiten verarbeitet. Ihre Trauer, ihre Gefühle wäre ihnen so surreal wie Science Fiction vorgekommen.
Je mehr ich beim nach dem Film und beim Schreiben nachdenke, desto mehr nimmt mich diese Parabel dann doch ein.
Monster pabrik rambut | Sleep no more (Indonesien/Singapur/Japan/Deutschland, Frankreich, Regie: )
Im richtigen Kino ist man nie im falschen Film, so der Werbespruch eine Kinokette. Nicht nur, dass das Haus der Berliner Festspiele aufgrund seiner lächerlichen Sitzabstände nicht zu meinen Favoriten gehört. Schon nach circa 20 Minuten frage ich mich, ob ich bei der Filmauswahl sorgfältig genug war.
Putri kehrt in ihren Heimatort zurück, als sie vom Unfalltod ihrer Mutter erfährt. Diese arbeitete in einer Perücken- und Puppenfabrik. Es wird Selbstmord am Arbeitsplatz vermutet, man hantiert dort mit allerlei gefährlichen Stoffen und Geräten. Doch Putri mag das nicht glauben. Ihre eintreffende Schwester Ida ist sich nicht so sicher – hat aber seherische Fähigkeiten…und auch ihr schwant bald Übles.
Putri, die auch zur Nachforschung den Arbeitsplatz ihrer Mutter übernimmt, erlebt im Betrieb der zwielichtigen Mrs Maryati bald den Horror aus nächster Nähe: Unfälle, Selbstverstümmelungen sind an der Tagesordnung. Von Lieferketten-Gesetz wohl noch nie was gehört.
Das Gerücht: eine Macht greife von den Überstunden-schiebenden Dauerarbeitern Besitz… Bis hier mal durch die Belegschaft, angeführt von Putri und Ida, endlich durchgegriffen wird, gehen viel zu viele Körperteile und Leben verloren.
Die Berlinale labelt den Film mit dem Tag „Nicht von dieser Welt“. Das kann man laut sagen. Man ist gut beraten, aufzugeben, nach einer schlüssigen Geschichte zu suchen: Zu viele Plot holes und Ungereimtheiten säumen den Wegesrand wie die sprichwörtlichen Leichen. Übrigens tauchte kurz nach Beginn auch noch ein Dämonenbruder der Schwestern auf, der verletzte Körperteile nachwachsen lassen kann. Warum, wieso – ach man fragt irgendwann einfach nicht mehr.

Wären die Sitzreihen nicht so eng im Haus der Berliner Festspiele…ich wäre heute drauf und dran gewesen zu gehen. Es ergab einfach nicht viel Sinn, ich wähnte mich herausgefordert von einer visuellen Mutprobe, die nach bloßen Anlässen sucht für die alle paar Minuten stattfindenden Schock-Szenen.
Immerhin eine Leistungsschau an -physischen und nicht digitalen- Special FX fordert starke Nerven. Wunden, Gliedmaßen, Körperteile hatten gehen dutzendfach drauf. So viele Walk-Outs wie heute habe ich auf der Berlinale selten erlebt. Die Verbliebenen schienen den Film jedoch umso mehr zu schätzen. Hingerissener Beifall, beinahe Jubel am Ende. An Splatter-Fans mangelt es hörbar nicht. So habe ich denn nun meinen ersten Film dieses Genres gefunden ohne ihn gesucht zu haben.
Als Kapitalismus-Kritik ist es nicht einmal halbherzig: Dazu geht es dann in der Fabrik zu locker zu, obwohl immer wieder Lautsprecher-Ansagen Überstunden, Mehrschichten, Zielerfüllung fordern und mit Boni winken.
Als eine Frau im Q&A fragt, was denn in Indonesien im Wasser sei („Ghost in the cell“ hätte sie gestern ebenfalls hier auf der Berlinale gesehen), antwortet eine Darstellerin klug (und als Hannoveranerin auf Deutsch!) : Das Wasser sei überall gleich, man denke nur an den Struwwelpeter… Das tat ich in der Tat während des Films in der Tat bereits. Allerdings war das eine Kindermoritat. Was uns „Monster pabrik rambut“ lehren soll? Vielleicht, die richtigen Filme für den eigenen Geschmack zu wählen.