Berlinale 2026, Tag 4: Potemkinsches Dorf, Loslassen, Massenpanik

Nach einem Schlag ins Wasser am Vorabend: Schon am Mittag ein Volltreffergeszeit ? Feeling ?

Der Heimatlose (Deutschland, Regie: Kai Stänicke)

Ein junger Mann landet auf einer entlegenen Nordsee-Insel an. Der Skipper fragt „was führt Dich an diesen gottverlassenen Ort?“ „Das ist meine Heimat.“ „Nun, Heimat kann man sich nicht aussuchen.“

Doch keiner der Dorfbewohner will sich an den „Neuankömmling“ als „ihren“ Hein erinnern. Der wäre ganz anders gewesen, bevor er die Insel vor 14 Jahren verließ Man glaubt ihm schlichtweg nicht. Jugendfreund, Jugendliebe, Schwester… alle bekunden, es sei viel Zeit vergangen 14 Jahre.

Der junge Mann findet sich bald in der Lage wieder, in einem mehrtägigen Tribunal zu beweisen, dass er hierhin gehöre. ‚Hein‘ hat Mühe, die gestellten Aufgaben zu lösen, die richtigen Antworten zu finden. Kann denn er seiner Erinnerung trauen?

Zeitlich wohl 2 Jahrhunderte vor unserer Zeit verortet, präsentiert Kai Stänickes beachtlicher Debütfilm ein potemkinsches der besonderen Art. Das Anfangs verblüffende Setting ist ein nur kulissenhaft aufgebautes Dorf. Es sind jeweils nur die Fronten, dahinter spielt sich die Handlung unter freiem Himmel ab. Erinnernd an Lars von Triers „Dogville“ oder aber Brechtsches Theater.

Doch um Brechung geht es hier nicht, eher um eine hyper-Realität. Denn Fassaden, das sind es auch was die Dorfbewohner aufgebaut haben – aber auch der fragliche Hein, so erkennen wir später. Das Vexierspiel, das hier vor sich geht, funktioniert auf mehreren Ebenen.

© Florian Mag

Jeder erinnert sich anders, sieht anders – jeder hat eine andere Wahrheit. Was der Inbegriff und Wesen von Kunst ist, nutzt Regisseur und Autor Kai Stänicke meisterlich als soziale Parabel in Form eines Historienspiels.

Die trefflichen Dialoge sind einem wunderbar dosiert altertümelnden Deutsch – auf Plattdeutsch wurde vermutlich wegen der Verwertbarkeit verzichtet – oder um den Film nicht örtlich festzulegen. Denn worum es hier geht, das hat mit den Zeiten zu tun. Weniger mit der Nationalität.

Selten sieht man ein so überzeugendes Gesamtpaket, filmisch, narrativ, darstellerisch, szenisch. Eine cineastische Freude. Ein glänzend besetzter Cast wartet mit so manchem Charakterkopf auf.

Zwei treffende Sätze, die ich nicht spoilern sollte, leiten den unerwarteten Schluss ein.

 

Vier minus drei (Österreich/Deutschland, Regie: Adrian Goiginger)

Barbara, die als Klinik-Clownin arbeitet und ihr Mann Heli kommen mit den beiden jungen Kindern gerade so über die Runden. Heli ist ein Träumer und Idealist – er sieht sich als „richtiger“ Clown, als Künstler. Was Barbara da macht ist für ihn bloß Dienstleistung, bestenfalls Therapie. Trotzdem ist die Ehe und Familie liebevoll und harmonisch.

An einem Tag wie jeder reißt das Schicksal Barbara den Boden unter den Füßen weg. Ihr Mann hat zusammen mit den Kindern einen schweren Autounfall… Zunächst in der Klinik noch die Hoffnung, dass wenigstens die kleinste Tochter es schafft, verliert Barbara auch diese.

Wir erleben Schock, Trauer und Verarbeitung. Von den nötigen Aufgaben der Beerdigungs-Organisation mit den Eltern, über die Sorge Barbaras Schwester und des Freundeskreises, bis zum langen Weg in eine unerträgliche Normalität.

Uns schon so früh im Film und unvermittelt mit der Tragödie zu konfrontierend, wagt „Vier minus drei“, die emotionale Fallhöhe erst Schritt für Schritt zu offenbaren: Die Entscheidung, die Story in Rückblenden zu erzählen ist hier kein Kunstgriff, sondern unterfüttert biografisch und emotional.

Dass die gezeigte Trauerzeit durch diese narrative Dehnung durchbrochen wird, vermeidet wohltuend deren Banalisierung. Auch hier sind Drehbuch und wohl auch Editing zu loben.

Natürlich tanzt ein Film wie „Vier minus drei“ auf einem dünnen Seil. Auf der einen Seite Tragisches zu banalisieren, auf der anderen Seite zum tearjerker zu werden. Doch Senad Halilbašić‘ Drehbuch, das auch von der realen Barbara Pachl-Eberhart und Autorin der zugrundeliegenden Memoiren gelobt wurde, tariert das ganze sehr fein aus. Wenn auch, wer selbst schon Verlust erlebt hat, bei mancher Szene die Tränen nicht stoppen werden kann.

Am Ende gab es nicht enden wollenden Applaus, Moderatorin, Regisseur und Darsteller hatten immer wieder Mühe, das Wort zu bekommen. Unter ihnen: die reale Barbara Pachl-Eberhart! Auf dem Bild neben dem Mann mit Mikro.

 

Heysel 85 (Belgien/Niederlande/Deutschland, Regie: Teodora Ana Mihai)

Das Grauen, das sich am 29.05.1985 beim Europacup-Finale abspielte, wird jedem der damals die auch nur Teile der Berichterstattung im TV sah, noch präsent sein. In unserer an Gräueln nicht armen Welt ist aber diese Tragödie kaum noch bekannt. Ein Ausmaß an Inkompetenz, Behörden-Versagen – aber auch Fan-Gewaltbereitschaft, das bis heute zum Glück einzigartig geblieben ist.

Für die später geborenen: Juventus Turin und der FC Liverpool waren in Brüssel für das Endspiel gesetzt. Die englischen Fans schon Stunden zuvor stark alkoholisiert. Die örtliche Polizei durch Fehlentscheidungen und Überreaktionen die Stimmung noch anstachelnd. Gefälschte Tickets und ein Mauerbruch ließen zudem mehr Zuschauer als vorgesehen auf das Gelände. Angriffe aus dem Block der Liverpool Anhänger brachten eine Kettenreaktion in Gang, die einem im Sport noch nicht gesehenen Horror zur Folge hatten.

Das in die Jahre gekommene Heysel-Stadion war im Grunde genommen für ein solches Szenario sicherheitstechnisch ungeeignet, teilweise baufällig – und wie zu lesen ist, eigentlich bei einer UEFA Begehung durchgefallen!

In fiebrigen Einstellungen sehen wir den Ablauf der schockierenden Stunden dieses Tages bis zum unfassbar doch noch stattfindenden Anpfiff. Es ist ein Blick hinter die Kulissen. Sehr gekonnt mischt der auf Kodak-Material, nicht digital dedrehte Film Bildstil, Filmkörnung, Set Design mit damaligen Archivaufnahmen – die auch heute noch erschüttern.

Die Akteure in dieser fiktionalisierten, aber auf den bekannten Tatsachen beruhenden Dramatisierung des Desasters: Ein italienischer Radio-Reporter zwischen Pflichterfüllung und Sorge um seinen jungen Bruder, dem er ein Ticket geschenkt hatte. Der frappierend entspannte Polizeichef. Der aufgeblasene aber inkompetente Bürgermeister, nebst seiner protegierten Tochter als Presse-Referentin.

Sie ist eine der wenigen, die die Katastrophe erahnt – sich aber Mal um Mal ungehört und abgekanzelt wiederfindet. Immer wieder hat sie Feuer auszutreten, vergeblich versuchend das schlimmste zu vermeiden. Zunächst geht es noch um PR, bald um Leben-und-Tod-Konsequenzen.

© Menuetto / Toon Aerts

Man darf sich fragen, ob die Charaktere an der Grenze zur Überzeichnung sind. Allen voran, die Darstellung des überforderten, blasierten Bürgermeisters. Und auch wenn der Film latent und vielleicht zu Recht die italienische Seite ergreift (die Todesopfer waren fast ausschließlich Juventus Fans) – so zeigt er doch ausreichend und eindringlich, dass es an schuldigen Parteien nicht mangelte! Polizeichefs, Stadtbeamte, bis hin zu Funktionären nicht zuletzt der UEFA…

Im babylonischen Panoptikum kochen alte Animositäten hoch. Belgier, Italiener, Engländer. An Schuldzuweisungen mangelt es wahrlich nicht. Die letzte schockierende -und dann doch irgendwie nachvollziehbare- Konsequenz: Dass die Teams gefordert, ja gezwungen wurden nach all dem das Endspiel noch anzutreten.

Viele sinnvolle und sichernde Konsequenzen wurden -auch durch dieses Desaster teuer erkauft- gezogen. Doch selbst heute noch warnen zum Beispiel Experten regelmäßig vor unhaltbaren Zuständen am Osttor-Einlass des Olympiastadions Berlin…

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