Schon Minuten in den ersten Films frage ich mich: Was habe ich denn hier gebucht? Beziehungsweise warum?
Forêt Ivre | Forest high (Belgien/Frankreich, Regie: Manon Coubia)
Episodisch erleben wir das Hüten einer malerisch gelegenen, einsamen Berghütte für Wanderer und Urlauber in den französischen Alpen. Drei Saisons, drei Protagonistinnen. Dabei ist der Begriff inkorrekt, denn voran treiben sie die Handlung nicht, es gibt schlichtweg keine.
Alltagshandlungen, Allerwelts-Begegnungen, Touristen-Dialoge, Belanglosigkeiten. Das saisonale Bestellen des Herbergs-Betriebes. Wortkarg, geschäftig. Wir müssen uns unseren Teil denken. Dialogisch wird es erst im Austausch mit den Gästen hier und da belebt. Doch auch da sucht man nach einer Erzählung, vergeblich.
Was wir mitbekommen (in einigen Nachteinstellungen gewagt dunkel): Eine der Frauen bandelt mit einem Vogelkundler an und schleicht sich nachts zu dessen Zelt. Eine andere ist offenbar somnambul – und schläft dann draußen ein. Die dritte wiederum kommt in der Wintersaison mit dem dann einzigen Gast, einem bekundlichen Deserteur ins Gespräch.
Er erzählt von der Résistance Geschichte der Hütte – sie davon, dass sie nach Erziehung der Kinder hier phasenweise die Einsamkeit sucht. Als wir erst hier mal Figuren unterfüttert bekommen…ist der Film dann auch vorbei.
Vorher fand ich mich das erste und zweite Mal bei dieser Berlinale auf die Uhr schauend. Zur Ehrenrettung, ein paar Minuten Berlinale-Schlummer waren aufgrund der Spannungslosigkeit meinerseits auch dabei…

Als eine Bach-Fuge den Abspann begleitet, erkennt man, dass ein Mehr an Struktur und Komposition dem Film gut getan hätten.
Im Anschluss wurde von der Moderatorin (pflichtgemäß) und Publikum (erwartungsgemäß) von „wonderful picture“ „poetic“ salbadert. Das Q&A dann leider ebenfalls ähnlich unfruchtbar.
Immerhin erfahren wir, dass Regisseurin Coubia ebenfalls einige Male Hüterin dieser Hütte war. Dann kann das ganze noch als Hommage durchgehen, quasi unbeabsichtigte Doku Fiction.
Truly naked (Niederlande/Belgien/Frankreich, Regie: Muriel d’Ansembourg)
Der junge Alec ist Kameramann seines Vaters Dylan – in einer bemerkenswerten Familienkonstellation: Dylan ist Pornodarsteller, sie produzieren ihre Filme quasi im heimischen Schlafzimmer. Anders kennt es der Oberschüler nicht – seine Eltern lernten sich einst auf einem Porno-Set kennen. Vom außergewöhnlichen Setting ist das Berufs- und Familienleben liebevoll und harmonisch.
So weit, so weird. Schwierig wird es erst, als Alec bei einer schulischen Projektarbeit ausgerechnet zum Thema Pornosucht eingeteilt wird – mit der Mitschülerin Nina. Wir ahnen weit früher als Alec ahnt, wie sehr sie ihm wegen seines ungekünsteltem Charmes zugetan ist. Sie kann nicht ahnen, worauf sie sich einlässt, als sie versucht Alec’s Schutzwall von Schüchternheit und Kaschieren seiner außerschulischen Tätigkeiten zu brechen.
Hausbesuche kommen bei Alec ja eigentlich nicht in Frage, doch irgendwann kommt es wie es kommen muss. Obwohl die aufgeweckte Nina ähnlich wie ihre Mutter eher emanzipatorisch unterwegs ist, lässt sie sich nicht so leicht schockieren. Macht aus ihrem Herzen dann keine Mördergrube und regt Alec, Dylan und Drehpartnerin Lizzie an, doch mal neue Wege zu gehen.
Alecs Vater ist und bleibt halt ein One-Trick-Pony, wie es englisch so schön heißt. Für ihn gibt es nur eine Art von Porno. Männlich hart. Und das, obwohl die ‚Firma‘ branchenmäßig langsam in der Sackgasse steckt, Content zu produzieren der weiterhin noch Aufmerksamkeit bringt!

Der verwitwete Dylan freut sich dennoch ehrlich, dass es bei seinem Sohnemann schnackelt – doch mit der Intimität ist das so eine Sache, wenn man wie Alec sie bisher nur durch einen Kamerasucher eingefangen hat.
Im Q&A hätte ich Darstellern und Crew bessere Fragen gewünscht. Mikrofone braucht es halt für die Verständlichkeit, doch irgendwie hatte Fran Liebowitz seinerzeit Recht: Lass sie so fragen, und es geht ums Thema. Gib ihnen ein Mikrofon und es geht um sie.
Alessa Savage, die als reale adult-entertainment Darstellerin die Porno-Partnerin Lizzie darstellte, erdete durch Aussagen aus ihren Erfahrungen in der Branche. „I’ve known for a long time how the sausage is made.“ Sie verglich Porno mit der WWF – jeder wüsste, dass es fake ist, doch es wäre halt schade, wenn junge Menschen das als Vorbild nähmen.
Sie mochte aber auch nicht gelten lassen, dass nur „female friendly“ Porn der Weg wäre. Manche stehen eben auf härtere Gangart – sie inklusive. Beim Dreh, so eine Anekdote, wären ihr -wie im realen Leben- gerade Teenager hinterher gelaufen – diese hätten anders als Erwachsene keine Schranken. Sie fände es „creepy“, dass sie sich somit oft wie der Rattenfänger von Hameln fühle!
Soviel war außerdem zu erfahren: Nina und Alec wurden in einem Straßen-Casting gefunden, sind also nicht klassisch als Schauspieler besetzt worden. Das ging voll auf: Denn ihre Leinwand-Präsenz und Chemie ist wunderbar.
Für all das, was bei dieser Thematik hätte schief gehen können und was der Film sich erzählerisch vornimmt, ist es ein kleines Wunder wie Muriel d’Ansembourgs Film Ton und Stimmung über die gesamte Laufzeit hält – bis zum verschmitzten Ende.
Da stören die paar Plausibilitätslücken des ansonsten überaus charmanten Skripts, das d’Ansembourg ebenfalls verfasst hat, nun wirklich nicht. Sie wollte halt thematisieren, so sagt sie im Anschlussgespräch, wie ungut es ist, dass Online Pornografie allseitig verfügbar ist und junge Menschen häufig darüber ihren ersten Eindruck von Sexualität und vermeintlicher Sinnlichkeit bekommen.
Kurtuluş (Türkei/Frankreich/Niederlande/Griechenland/Schweden/Saudi-Arabien, Regie: Emin Alper)
Und schon wieder ein Moment, wo ich mich frage, wie ich auf dieses Ticket gekommen bin. Dabei ist der Film wirklich sehenswert.
Es ist bloß so, dass ich nach circa 20 Minuten aufgebe zu versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Vorher frage ich mich lange Zeit, ob ich diesen Konflikt kennen sollte? Hätte ich vorher recherchieren sollen, habe ich etwas verpasst?
Kurtulus zeigt mit bitterem Ernst und cinematisch beeindruckend eine Fehde zwischen zwei Clans (Oberdorf und Unterdorf) in einer türkischen Einöde. Die Animositäten schwelen seit Jahrzehnten, beide Seiten fühlen sich hintergangen, eingeschränkt und übervorteilt. Drohungen werden ausgesprochen, vereinzelte Übergriffe sollen Fanale setzen – und münden nur in mehr Hass und Gewalt. Eine Blutfehde scheint vermeidbar.
Bis mir irgendwann klar wir: Es ist eine beispielhafte, konstruierte Parabel, die für leider dutzende Auseinandersetzungen auf unserem Erdball stehen könnte. Alleinanspruch auf Rechtschaffenheit, Verteufelung der Anderen, der Zorn vermischt mit religiösem Eifer. Unbedingter Unwille sich auch nur irgendwie zu einigen – obwohl nachbarschaftlich nah.
Kameraführung, Bildgestaltung, Darsteller …alles ist auf hohem Niveau. Keine leichte Kost, aber zugestanden, Wettbewerbs-würdig.