Ein paar Mal in diesem Berlinale Jahr meinte ich, bei der Filmauswahl thematische Ähnlichkeiten zu Werken aus den letzten Jahren zu erkennen. Sollte ich so etwas trotzdem buchen? Wie wohltuend, wenn es dann neue und erweiternde Einsichten gibt.
Queen at sea (UK/USA, Regie: Lance Hammer)
Das Drama beginnt buchstäblich, als Amanda ihre in die Jahre gekommenen Eltern beim Sex überrascht. Ihr Stiefvater Martin hatte ihr eigentlich versprochen davon abzusehen: aufgrund der fortschreitenden Demenz von Amandas Mutter Leslie. Martin, wenigstens körperlich noch einigermaßen beieinander, behauptet, Leslie würde das wünschen und Intimität täte gerade Demenzkranken gut.
Teils in Sorge, teils als Denkzettel ruft Amanda dennoch die Polizei – die bald darauf den Sozialdienst einschaltet. Ohne es zu ahnen, hat Amanda Konsequenzen ausgelöst die sie nicht ahnen kann und sich sowie ihren Eltern nie gewünscht hat.
Kann -bei aller Liebe- Amanda es wirklich so gut beurteilen wie der liebevoll für Leslie sorgende Martin? Bei einem Eklat hält er Amanda vor, sie wäre in deren 18 Ehejahren nicht wie er Tag für Tag um Leslie herum gewesen.
Macht Martin sich dennoch etwas vor, wenn er -Amanda nicht unähnlich- das Offensichtliche verdrängt und glaubt, dass es ohne Einschnitt gehen wird? Es läuft auf ein ethisch-moralisches Dilemma zu, bei dem scheinbar niemand mehr gewinnen kann.
Bemerkenswert ist, wie Autor und Regisseur Lance Hammer hier keinen seiner Akteure der Schuld preisgibt. Ehrliche Sorge bei Tochter, Ehemann, selbst bei den Behörden. Jeder sieht mit Recht seine eigene Perspektive – und alle Argumente haben etwas für sich.

Unaufgeregte, doch eindringlich eingerichtete Szenen fesseln in diesem ergreifenden aber bedachten Drama.
Außer der gewohnt verlässlichen Juliette Binoche ragen hier die Darstellungen von Tom Courtenay und Anna Calder-Marshall heraus, die beide Senilität würdig und würdevoll darstellen.
Wie wollen wir leben, was können wir hoffen, wenn unsere Körper nicht mehr so wollen wie wir – oder gar unser Geist – wenn es langsam auf das Ende zu geht.
Es ist kaum zu glauben, dass dies erst Lance Hammers (Drehbuch und Regie) zweiter Film ist. Ich sollte seinen 2008er Wettbewerbs-Beitrag „Ballast“ noch einmal anschauen. Noch vor meiner Blog-Zeit, erinnere ich mich nur dunkel…

Nina Roza (Kanada/Italien/Bulgarien/Belgien, Regie: Geneviève Dulude-de Celles)
Kurator Michel soll in Bulgarien eine vermeintliches Wunderkind in Augenschein nehmen. Eine 8jährige verblüffe dort in einem Provinzkaff mit bewundernswerten Gemälden. Sein Galerist nötigt den unwilligen Michel: Es sei doch seine alte Heimat…
Michel, damals noch Mihail, hat sein frühes Leben vor Jahrzehnten hinter sich gelassen und ist voll assimilierter Kanadier. Der Verlust seiner Frau war damals der Auslöser, mit seiner kleinen Tochter Rosa dem Land seiner Heimat den Rücken zu kehren. Bulgarien, das ist für Michel passé.
Er bedarf santen Zwanges, die Reise in das Land anzutreten aus dem er nunmal stammt. Denn Heimat würde Michel das wohl nicht mehr nennen, weigert sich unwirsch, dem neugierigen kleinen Enkel etwas bulgarisch bei zu bringen. Vom Taxifahrer in Sofia bis zum Zielort zeigen sich in Bulgarien alle erstaunt, was ihn denn zurück treibe, nicht wenige beneiden ihn insgeheim.
Die Dorfeinwohner nehmen ihn erstmal auf die Schippe. „Hey, Montreal !“ wird er spaßeshalber gerufen. Ob er nicht eigentlich Mihail hieße. Erst langsam öffnet der fremdelnde Großstädter den Dörflern gegenüber seine Schale. Außerdem ist er angehalten, aus geschäftlichen Gründen das Interesse an den Bildern neutral und nicht zu aufgeregt zu kommunizieren.
Die kindliche, für ihr Alter aber verblüffend weise Künstlerin Nina frappiert Michel/Mihail nicht nur durch ihre Kunstfertigkeit – die er ganz Realist lange anzweifelt. Zu oft sei die Kunstszene Scams aufgesessen. Das Wunderkind Nina erinnert Michel mehr als ihm lieb ist an seine eigene Tochter Roza – und was er auf dem Weg verloren oder aber zurück gelassen hat. Jungmalerin Nina will nicht berühmt werden, einfach nur in ihrem Scheunen-Atelier malen. Ninas Mutter sieht die Chance, aus der Provinz rauszukommen. Hat Mihail/Michel seiner Roza etwas genommen, als er sie umsiedelte?
Ein später Showdown ist das Wiedersehen mit seiner Schwester. Sie zeigt sich unversöhnlich darüber, wie sehr sich Michel/Mihail in all den Jahren abgekanzelt hat.
Dieser durchaus einnehmende Film gibt sich zunächst ebenso verschlossen wie seine Hauptfigur und seine Hintergründe nur nach und nach Preis. In lakonischem Stil und elegischen Bildern erzählt „Nina Roza“ vom Sinn und Zweck – bzw. der Unmöglichkeit, Heimat wieder zu finden.
Was nachwirkt, ist die Stoik, die Michel/Mihail bei seiner Odyssee durch seine Vergangenheit an den Tag legt.
Das eigentliche Dilemma ist, dass Mihail/Michels Kunstkauf in Gang setzen würde, Nina aus ihrer geliebten Heimat heraus zu reißen: Wenn deren Mutter mit ihr aus Karriere Gründen wie geplant nach Italien ziehen würde. Mihail/Michel kennt beide Seiten der Medaille.
Das zweite mal an diesem Tag ein poetischer Schluss eines nachdenklichen stimmenden Films.
Saccharine (Australien, Regie: Natalie Erika James)
Die Realisierung jedes Filmes ist ein kleines Wunder, so einer meiner Lieblings-Podcasts „What went wrong“. Doch ich finde klare Worte sind trotzdem wichtig.
Die beflissene Medizin-Studentin Hana hadert mit ihrem Körperbild. Sie fühlt sich meilenweit von einer propagierten Traumfigur entfernt und möchte unbedingt eine Menge Pfunde loswerden. Doch nichts scheint zu wirken: Von Fitness-Studio bis Kalorien- und Gewichts-Tagebuch
Und Ess-Attacken werfen sie zudem zurück – die zugrunde liegenden Störungen bleiben aber, soviel sei schon verraten, leider im Dunkel des Filmes.
Eine ehemalige, nicht wieder zu erkennende Schulfreundin drückt Hana teure, aber noch nicht zugelassene Wunderpillen in die Hand. Diese hätten ihr Leben verändert. Nach fantastischer Erst-Wirkung analysiert Hana in der Universitätsklinik das Mittel – und findet als Hauptbestandteil darin menschliche Asche… Günstig, dass Hana gerade in Anatomie mit Leichen zu tun hat…
Es ging Regisseurin und Autorin Natalie Erika James darum, die Auswüchse von Schlankheitswahn und fehlender Body Positivity in Szene zu setzen. So viel ist gelungen, doch ihr Film schießt leider meilenweit über das Ziel hinaus – und verwässert die Aussage dennoch. Mit Symbolik voll geladen und die Aussagen dann doch in plakativen Dialogen forcierend.
Der bald auf ihren neuen Body immer stolzeren Hana erlebt dann Poltergeist-artige Phänomene und bald lauert ihr dann eine unheimliche Gestalt im Nacken. Ob es mit dem Körpergewebe zu tun hat, aus der sie ihre eigenen Pillen herstellt?
Ein ganzes Stück weit läuft hier eine interessante Horror-Maschinerie an. Doch irgendwann wird das Abnorme wird absurd, das Unheimliche irre. Die Dosierung von Grusel, dann Horror verliert der Film bereits im zweiten Akt – und weitet sich später zügellos trotz Unterhaltungs-Faktor zu einem Mischmasch aus.
So manche offenbare Inplausibilität ist man aufgefordert zu ignorieren. Ein Erlösungs-Plot-Finalzweig fällt zugunsten weiterer Schockmomente über Bord. Inkonsistent ist Hana mal rationale Protagonistin, dann wieder Horror-Opfer. Inkonsequent ist die vermeintliche Nemesis des Films mal Erlösungs-bedürftig – dann doch wieder rein böse.
Und ein durchaus relevanter Plot Reveal kommt so ärgerlich spät, dass man sich latent an der Nase herum geführt fühlt. Der hätte früher in der Handlung viel mehr bewirken können! Himmel, hilf.
Wie schon am Sonntag in „Monster Pabrik Rambut“ wartet man alsbald einfach auf den nächsten erwartbaren Twist und Thrill. Beide Filme übrigens in der neuen Unter-Sektion „Berlinale Special Midnight“: Ich bin ab jetzt gewarnt.
Ich fühle mit Regisseurin und Team: So lang wie es dauert, ein Filmprojekt zu realisieren, kann es nicht angenehm sein, wenn einem ein ähnlich gelagerter Film wie „The Substance“ um zwei Jahre zuvor kommt. Coralie Fargeat bewies seinerzeit -obwohl ebenfalls Body Horror tour de force- weit mehr Beherrschung und Moderation! Was so alles geht, wenn man sich auf einen Hauptstrang konzentriert.
Hier, in „Saccharine“, sind es zu viele beweglichte Teile, das Uhrwerk hat zu viele Zahnräder.
Das Ende ist dann, wie könnte es anders sein, nicht das Ende – und die letzte Einstellung nochmal variiert erneut. Schon Billy Wilder mahnte in seinen 10 goldenen Regeln: „Der dritte Akt muss ständig zulegen bis zum ‚das-wars‘-Ende. Trödle nicht am Schluss herum“
Beim Nachschlagen stelle ich dann erstaunt fest, dass „The Substance“ 141 Minuten Laufzeit hatte – und mir kürzer vorkam als dieser gut gemeinte Film mit seinen 121.
Mit Symbolik überladen wird das relevante Thema leider verwässert. Das Drehbuch oder aber der Schnitt scheinen aleatorisch; was könnte jetzt passen, was noch passieren? Das Editing hätte noch etwas retten können, doch ich vermute, dass sich Regisseurin und Autorin Natalie Erika James bereits in der Skriptphase selbst die Karten gelegt hat. Den Beruf des Skript-Doktors gibt es nicht ohne Grund.