Berlinale 2026, Tag 7: Besessene, Überlebende, Eiferer

…manchmal muss man auf sein Gefühl hören. Dies Jahr schienen die Online-Filminfo Seiten mit Szenenfotos geradezu zu geizen. Viel zu selten war dann mal ein Trailer dabei. Einmal führte der am heutigen Tag zu einem absoluten Volltreffer – einmal zu einem doch etwas unerwarteten Ergebnis. 

Lali (Pakistan, Regie: Sarmad Sultan Khoosat)

Der jungen Braut Zeba haftet ein unguter Ruf an. Bereits drei ihrer Verlobten kamen kurz vor der Hochzeit durch Unglücksfälle ums Leben. Bei dieser, mit dem verschlossen-mürrischen Sajawal trifft ein Freuden-Pistolenschuss dann „nur“ die Schwiegermutter. Im Hospital, so verfügt diese, wird kurzum der Bund fürs Leben vollzogen.

Zeba, die sehr jung ihre Mutter verlor, stimmte dieser arrangierten Ehe zu, wohl auch um wieder in einer Familie zu leben. Mit ihren Schwägerinnen sieht das erstmal durchwachsen aus. Bholi, still und seltsam, zeigt sich ihr gleich verbunden. Vielleicht weil auch sie es in diesem Clan nicht einfach hat – denn die andere, missmutigere Schwägerin vermutet nahendes Unglück von der vermeintlich besessenen Zeba (siehe oben).

Doch wenigstens ist Mutter Sohni Ammi auf Zebas Seite. Das Familienoberhaupt gibt mit klaren aber herzlichen Worten den Ton an im Haus. Als die gluckenhafte, aber liebevoll Burschikose dann stirbt, verschwindet auch der gute Geist und Zusammenhalt in dieser Familie – und nicht nur der Film wechselt merklich den Ton.

Eheglück kann man das schon vorher nicht gerade nennen. Erst nach und nach findet Lali eine Verbindung zu Sajawal. Als sich ihre sexuelle Beziehung endlich entfaltet, steigert der sich bald in lüsterne Eifersucht.

© Khoosat Films

Einiges in diesem Sozio-Drama bleibt zwar vage, doch der Film vermag trotz einiger Längen durchaus zu beeindrucken – so fremd uns Bräuche und Traditionen auch erscheinen mögen.

Auf eine gegen Ende etwas forciert wirkende Art propagiert „Lali“ vorsichtig eine weibliche Empowerment Utopie. Uneingeschränkt gelungen dafür die -wie wir im Anschluss erfahren- live on set gesungenen Songs!

 

Sunny Dancer (UK, Regie: George Jacques)

Die Eltern von Ivy dringen zu ihrer Teenager-Tochter nicht mehr durch, so beklagen sie sich bei ihr. Die Torturen einer Krebs-Therapie nach Jahren erfolgreich überstanden, scheint sie ihnen unnahbar, und habe das Lachen verlernt. Das liebevoll Elternpaar regt an, das Ivy den Sommer in einem therapeutischen Ferienlager für Jugendliche mit Krebs-Krankengeschichte verbringt.

Dies ist für Ivy quasi die Höchststrafe. Nur den Eltern zuliebe und aus Verzweiflung über deren Verzweiflung stimmt sie zu, die Ferien in „Chemo-Camp“ zu verbringen. Der wirkliche Name des Sommerlagers ist CRF. ‚Children Run Free‘ (Cancer ruins families, ulken die anwesenden Kids mit dem Galgenhumor von Betroffenen)

Alles erscheint Ivy zunächst absurd bis peinlich, sie hält Distanz. Die sie allerdings dann doch Schritt für Schritt aufgibt. Misfits sind sie dort allemal allesamt, auch am Nebentisch zu dem sie sich endlich gesellt. Vielleicht kann man dann doch bestimmte Dinge nur mit Gleichaltrigen bequatschen, die dasselbe durchgemacht haben. Und manche/r dort entdeckt gerade erste Liebelei.

Eine unbändige, eingeschworene Clique wird sich bilden. Ivy, die wie alle Teenager glaubt sie wüsste schon alles, erfährt wie gut es sein kann für andere da zu sein, etwas weiter zu geben.

Dieser Sommer wird der Kickstart, den Ivy nach ihrem Überlebenskampf brauchte – an der Grenze zum Erwachsenwerden.

© Colin J Smith, SUNNY DANCER Distribution Limited

Autor und Regisseurs George Jacques‘  hinreißender Film strotzt nur so vor charmant-witzigen Momenten einer ganz eigenen Sorte von schwarzem Humor. Eine Feier des Lebens und des Überlebens.

Noch im ersten Akt fragt man sich, ob der Film diesen quirlig komödiantischen Ton halten kann – und sollte! Und findet später im Abspann dann die Widmung an Dutzende von Angehörigen, die allein das Filmteam verloren hat. Wer will da zweifeln. Doch das dem Thema würdige Skript ist mit allerhand mehr geladen.

Wie hieß es in ‚Magnolien aus Stahl‘ so schön: ‚Mein Lieblingsgefühl: Lachen und Weinen zugleich.‘

Übrigens ist Neil Patrick Harris vielleicht eine Besetzung, die der Vermarktbarkeit geschuldet ist – man kommt nicht umhin zu gestehen, dass er seine Sache hier aber fabelhaft macht. Und ein spät auftauchender James Blunt beim Talentwettbewerb zeigt wieder einmal, dass er Humor besitzt.

 

The Testament of Ann Lee (USA/UK, Regie: Mona Fastvold)

abgesehen von der berückenden Filmmusik und Gesang (siehe unten) kamen wir auch in den Genuss, dass Regisseurin und Cast, darunter Amanda Seyfried noch zu Beginn das Publikum auf der Bühne begrüßten. Da hatte sich der verspätete Beginn deutlich gelohnt!

Aus dem Bauch heraus buchend, gestehe ich, ein vielleicht verschmitztes oder burschikoses Historien-Drama als Unterhaltungsfilm erwartet zu haben. Ich fragte mich, ob auch andere hier im Saal etwas anderes erwartet hatten.

Ann Lee war die Begründerin der ‚Shaker‘ Bewegung. Als junge Frau im England des frühen 17.Jahrhunderts lebte sie in ärmlichen Verhältnissen, die später in den Manchester-Kapitalismus führen werden. Tief religiös im Glauben Zuflucht suchend, erfährt Ann Lee eine Vision aufgrund der sie -von Methodistischen Gottesdiensten inspieriert- eine neue Glaubensrichtung begründet. Fleiß, Gottesfürchtigkeit und – für manche schwer durchzuhalten zölibatäre Enthaltsamkeit. In England verachtet, führt es Ann Lees Gemeinschaft in die Neue Welt…

Wichtiges Element dieser Freikirche waren rituelle, rhythmische (=schütttelnde) Bewegungen und Tänze beim Beten und Singen. Amanda Seyfried schwärmte schon vor dem Film, wie sehr sie an den von Komponist Daniel Blumberg nachkomponierten Songs gearbeitet hätten. Dieser orientierte sich in Harmonik und Simplizität an originalen Hymnen.

Mit heiligem Eifer und religiösem Ernst ist Amanda Seyfried als Ann Lee in dieser Geschichte gleichsam unaufhaltbar bei ihrer Mission ihre Lehre, ihre Version Gottes Willens zu verbreiten. Bemerkt sei, dass die Shaker inklusorisch und nicht ausgrenzend oder zwanghaft vorgegangen wurde. Zudem waren die Shaker zum Beispiel aufgrund ihres Gottes-Verständnis von Sklaverei entsetzt…

Erst als den Eiferern dann in der Provinz Hass von christlich konservativer Seite entgegenschlägt, kommt es zu Übergriffen – die auch Ann Lees frühes Ende einleiten.

© 2025 Searchlight Pictures All Rights Reserved.

Bildstark und mit dem nötigen Ernst enfaltet Mona Fastvold hier ein Epos, das es in sich hat. Man hat vielleicht schon mal von Quäkern gehört (mit denen die Shaker Ursprünge teilen). Doch szenisch ernsthaft anzusehen, wie die Shaker sich in ekstatischen Bewegungen und Tanz-Choreographien sich in gläubiges Nirwana transportieren – das ist genauso befremdlich wie erhaben.

Es wirkt wie nicht ganz von dieser Welt, wie „Testament of Ann Lee“ die Musical Einlagen verwebt. Denn hier singen die Personen nicht uns oder einander in dialogischer Form an, die Texte sind religiöser Art im Zwiegespräch mit Gott. Kirchenliedern und -Hymnen ähnlich.

Allein dafür lohnt sich das Anschauen. Doch diese Geschichte einer gänzlich unbescholtenen Sekte ist etwas, das vielleicht heute nachhallen sollte.

 

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