Nach Ende des Vorverkaufs nun zu noch früheren Uhrzeiten ins Kino. Was man als Fan so alles mitmacht, wenn es anders nicht zu buchen war. Wenn man Glück hat, wird es belohnt:
Black burns fast (Südafrika, Regie: Sandulela Asanda)
Luthando ist Musterschülerin in einem südafrikanischen Internat. Die ebenso nerdige Josie ist ihre beste, genau genommen einzige wahre Freundin. Die Beiden verstehen einander. Bloß mit der Liebe, da hat noch nichts gefunkt. An sich eine reine Mädchenschule, ist nur ein Teil der Fächer in gemischtem Unterricht mit einer Nachbar-Jungenschule. Doch im neuen Schuljahr tritt plötzlich die rebellische Ayanda nach einem Schulverweis in den Klassenraum – und in ihr Leben. Luthando ist schockverknallt und Buddy Josie hat einige Mühe, ihre Besty vor den größten Dummheiten zu bewahren.
Beim Versuch, sich an den Schwarm ranzuwanzen, kommt die vermeintliche Streberin Luthando dann doch noch rein in eine coole Clique. So wie Luthando mehr und mehr an Selbstvertrauen und Standing zulegt, schlägt sie amourös aber auch schulisch irgendwann über die Stränge. Die Doppelmoral der Schulverwaltung wird offenbar.
Personen und Plot dieser höchst amüsanten coming-of-age Posse sind durchdacht, die Dialoge strotzen vor ebenso viel Pepp wie Schnitt und visueller Stil Anfänglich wird mit optischen Effekten geradezu gehaust und man wähnt sich -latent überfordert- auf tiktok oder im gaming. Dies wird später dankenswerter Weise runter dosiert. Wie Regisseurin Sandulela Asanda später sagt, in Abstimmung damit wie Luthando langsam reifer wird.
Apropos Dialoge: die Tonmischung ist fast schon knallig zu nennen, so stark loudness-maximiert, dass das Gesprochene fast verzerrt. Vielleicht dem (von der Regisseurin bekundeten) knappen Budget geschuldet. Wenigstens ist somit diesmal jede Silbe verständlich!

Das Internat übrigens wird in integriertem Unterricht dargestellt – doch die weißen Mitschülerinnen spielen in der Handlung betont eine Nebenrolle. Man könnte, soweit gehen, dass die weißen Kids hier die eigentlichen Sonderlinge sind. Auf interessierte Nachfrage antwortete die Regisseurin später, ja die Integration sei fortgeschritten… aber immer noch im Werden.
Offensichtliche Predigten oder Moritaten sind hier dennoch nicht zu finden – die werden auch gar nicht gebraucht. Dies Rollenspiel zeigt jungen (wie auch alten) Menschen einfach vorbildhaft, wie wichtig es ist, von einem Freundeskreis getragen zu werden, sich anvertrauen zu können. Alte Freunde zu halten während man neue gewinnt.
Lady (Vereintes Königreich, Regie: Olive Nwosu)
..ist Taxifahrerin in Lagos. Aufgrund der nigerianischen Wirtschaftslage und Staats-Inflation kommt sie kaum über Runden. Eines Nachts steht ihre Jugendfreundin Pinky auf der Matte, Jahrzehnte nachdem sie einfach verschwand. Einst unzertrennlich und von Lady’s Mutter mit aufgezogen, ist Lady unversöhnlich. Zudem verdingt sich Pinky mittlerweile, ebenso prekär mit Prostitution, immerhin in etwas gehobenen Kreisen.
Nach einer Aushilfs-Fuhre wird Lady von Pinkys Zuhälter angeheuert, fest für ihn zu arbeiten – und seine gesamten „girls“ zu kutschieren. In der Aussicht auf stetiges, gutes Einkommen willigt Lady zögernd ein.
Zwischen den vorlauten und ungenierten jungen Damen der Nacht und der Fahrerin kommt es nach anfänglichen Animositäten durchaus zu erkenntnisreichen Gesprächen. So manche träumt wie Lady davon, soviel zusammen zu sparen dass es fürs Auswandern nach Sierra Leone reicht: Freetown ist der Hoffnungsort für fast alle von ihnen.
Aufgrund eines Kindheits-Traumas hat Lady nie Sexualität erkundet. In einer dieser Nächte kommt es zur Katastrophe, als Lady den harten Sex einer ihrer neuen Freundinnen mit einem Freier falsch deutet. Bleibt jetzt nur noch die Flucht ins vermeintlich gelobte Land?
Mit einem gewissen Maß an Larmoyanz ist man konfrontiert, auch wenn Olive Nwosus Sittengemälde sicher Berechtigung hat. Leider werden nicht alle Charakter-Entwicklungen und Entscheidungen plausibel gemacht.
Das Plädoyer gegen die unhaltbaren Zustände in ihrer Heimat nimmt den Vordergrund ein.
Isabel (Brasilien/Frankreich, Regie: Gabe Klinger)
..hat es satt, als Sommeliére das weinkundliche Feigenblatt im Sterne-Restaurant von Tommaso zu sein, ihrem missmutigen und nur auf Nummer sicher gehenden Chef. Die von Isabel geliebten, urwüchsigen einheimischen brasilianischen Weine versauern nämlich im Keller des Restaurants. Deren geschmackliche Eigenheiten angeblich nichts für die zahlenden Kundschaft.
Isabels Wunsch, die geliebten, ja verehrten Heimat-Weine den Menschen näher zu bringen, der wird so wohl nie aufgehen. Was viele Freunde und Bekannte schon gesagt haben: „Mach doch deine eigenen Weinbar auf!“
Ihre Eltern halten das für Spinnerei, ihr liebevoller Mann -ebenfalls Weinliebhaber- ist ihr zwar verbunden… doch seine Mutter im Ausland erfordert bald seine Anwesenheit. Einen vermeintlichen Investor umgarnt sie – wird das reichen? Trotz aller Unkenrufe wird der Traum schließlich angegangen, mit Unwägbarkeiten noch und nöcher.
Bis zum stimmig-melancholischen Schluss fragen wir uns, was Isabel sich schon längst hätte fragen können: Wie soll das klappen?
Es ist wunderbar, wie Gabe Klinger in seiner charmanten Hommage den Ton hält – und die Fäden in der Hand. Auf (Co-Autorin und Hauptdarstellerin) Marina Persons nicht mehr ganz jungem Gesicht spielt sich mit ganz wenig ganz viel ab. Auch das einnehmend und inspirierend.

Wenn es in der Handlung bei Wein-Tastings in die Runde geht, bekommt der Film dann phasenweise quasi-dokumentaristischen Charakter, die Akteure, vermutlich wirkliche Önologen und Weinkenner, erden diesen Film über ein Gewächs, das auf gute Erde angewiesen ist.
Eine echte Freude am späten Berlinale Abend. Regisseur Gabe Klinger ließ es sich zudem nicht nehmen, das Publikum vorher noch zu begrüßen und einzustimmen, wenn auch das Filmteam bereits abgereist sei. Seine Geste ein ebenso persönlicher Touch wie die Tatsache, dass seines Bekundens wir gleich sein Haus und seine Couch etc sehen würden. Wer denn hier schon brasilianischen Wein getrunken hätte. Nur wenige Hände gingen hoch.