Heute nur zwei passende Tickets bekommen… und verzichtet, aus Verlegenheit ein weiteres aus meiner „zweite Wahl“ Liste zu buchen. Weil ich meine heutigen Filme für starkt genug hielt. Einer übertraf meine Erwartungen weit, der andere entpuppte sich als Gurke.
Josephine (USA, Regie: Beth de Araújo)
Beim Frühsport mit ihrem Vater Daniel verläuft sich die noch sehr junge Josephine im Park. An einer Lichtung wartend, wird sie dort Augenzeugin einer Vergewaltigung, bekommt alles mit. Ihre spät entdeckte Anwesenheit lässt den Täter flüchten. Der eintreffende Vater eilt zu Hilfe, doch auch das Eingreifen der Polizei und das Sitzen mit dem Tatopfer im Streifenwagen lassen uns ahnen, was das für ein Kind in diesem Alter bedeutet.
Wir erleben, wie die Eltern sich in den Tagen und Wochen danach vergeblich bemühen einen richtigen Weg zu finden, das tief geschockte Kind zu begleiten – dies Trauma zu verarbeiten oder gar zu überwältigen. Die beherrschte, aber innerlich nachhaltig verstörte Josephine stellt ihren Eltern Fragen, die diese sich auch selbst stellen könnten.
Vielleicht haben beide auch -bei aller Liebe und Sorge- zu lange wichtige Themen vertagt und ausgeblendet in der Kindes-Erziehung. Bloß: Wie früh fängt man heutzutage damit an? Womit löst man mehr Schaden aus? Nach diesem Film, soviel ist klar, hat man eine Meinung dazu.
Josephines Verhalten wird nach und nach Besorgnis erregender. Ihrer Mutter Claire läuft sie auf dem Weg zu einer ungewollten Therapie-Stunde davon. In der Schule, später auch im Haushalt sieht Josephine nun überall Konflikte, auf die sie dann mit Gewalt zugeht. Der sportliche Vater Daniel will diesen Impuls aufnehmen und regt Selbstverteidigungs-Unterricht an… was die Lage nicht verbessert, im Gegenteil.
Und so gut sie es auch meinen, laufen die verzweifelnden Eltern schon wieder Gefahr, die richtigen Gespräche mit ihrer Tochter zu verpassen, wichtige Worte ungesagt zu lassen. Es ist schwierig mitanzusehen, wie Josephine (famos dargestellt von Mason Reeves), es die meiste Zeit mit sich selbst ausmachen muss. Die infolge dessen teils lautstarken Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten machen die Situation für alle nur noch verzwickter.
Die Handlung kulminiert, als die Staatsanwaltschaft Josephine als einzige Belastungs-Zeugin heranziehen will: Das Tatopfer selbst verweigere sich aus Angst, sei umgezogen. „Was ist ein Gericht?“ – Wieso lässt man so jemand auf Kaution frei?“ – „Wird er bestraft werden?“ Daniel und Claire sehen sich abermals überfragt, neue Ängste entstehen. Zumal aus der vermeintlichen eine reale Bedrohung zu werden droht.

Beth de Araújo (Drehbuch und Regie) wartet in diesem ergreifenden und gekonnt austarierten Film mit stringenter Inszenierung und nachvollziehbarer Charakterzeichung auf. Sie schafft das Kunststück, packend zu erzählen und wirklich nirgendwo falsch abzubiegen – und die Dilemmata angemessen aufzuzeigen. Der Zuschauer wird nicht emotional gegängelt, nicht zuletzt weil de Araújo auf musikalische needle drop Momente und einfache Antworten verzichtet.
Die visuellen Stilmittel die Beth de Araújo dabei einsetzt sind beeindruckend, doch gekonnt dosiert. Wie Josephines Angstszenario, ihr mentales Verfolgtsein bebildert wird, das macht beklommen.
Erst nach einiger Zeit finden die Protagonisten die passenden Worte. So mancher kluge und wichtige Satz fällt dann endlich, bis zu einem weisen Ende.
Wie zu lesen war, beruht die Story auf einem Kindheits-Erlebnis von Autorin und Regisseurin Beth de Araújo. Da Channing Tatum und Gemma Chan diesen Film auch produziert haben, kann man annehmen, dass es ein Herzensprojekt war.
Narciso (Paraguay/Deutschland/Uruguay/Brasilien/Portugal/Spanien/Frankreich, Regie: Marcelo Martinessi)
Uff, wo fang ich an, wo hör ich auf? Fragen, die sich übrigens auch der Film hätte stellen sollen.
Die Ereignisse des Films verorten den Film in den späten 50er Jahren. Paraguay ist bereits unter einer Diktatur, welche die längste in Südamerika werden sollte. Technisch beginnen einige Modernisierungen, gesellschaftlich bleibt es in jederlei Hinsicht repressiv. Wenigstens das macht der Film durch eine Einblendung zu Beginn klar. Damit hat es sich dann, denn so eindeutig wird es danach nicht mehr.
Schon die ersten Szenen sind mysteriös, aufgeladen unplausibel und werden nicht aufgelöst. Wenn der Film danach auch in eine überwiegende Rückblende geht, um zu diesem Punkt zu führen, so nimmt er dabei einen labyrinthischen, längstmöglichen Weg.
In der Hauptstadt Asuncion besucht der charismatische Wanderarbeiter Narciso eine Live-Radio-Show, die in den prä TV Mittelwelle-Zeiten die Haupt-Unterhaltungsquelle ist. (Wobei selbst das behauptet wirkt). Es gibt Live Hörspiele vor Publikum, traditionelle Folklore-Konzerte.
Vom alternden Stations-Chef Lulu entdeckt, wird Narciso gecastet, um eine Show mit der als aufrührerisch geltenden Rock’n’Roll Musik zu moderieren. Wie sich dann später heraus stellt, sind viele beim Radio und in der erweiterten Szene „invertos“ …homosexuell. Narciso wird zum Lustobjekt und Herzensbrecher. Auch für den US Botschafter, der die Realisierung des neuen Wassersystems begleiten soll. Dieser wiederum wirkt auf den Zuschauer plakativ effeminiert dargestellt.
Und viel klarer wird es dann nicht mehr. Narcisos kassandra-hafter Vermieterin, seine Kollegen, dräuende Regierungs-Lautsprecher-Ansagen, warnend vor den Umtrieben…
Die sicherlich bedauernswerte Thematik hätte eine andere Umsetzung gebraucht. Szenensetzung, Montage… zu vieles wirkt verstiegen, prätenziös, bedeutungsschwanger. Die Dialoge häufig unmotiviert und unrealistisch. Die irrlichternde Story will wohl dem Setting entsprechend es im mysteriös verborgenen halten.
Dass die Radioshow-Szenen und deren Musikdarbietungen (und Narcisos Ruhm) gestellt und unauthentisch wirken baut eine weitere Distanz auf: das Publikum wirkt wie rein-geschnitten, die Reaktionen übermotiviert und falsch getimed.
Zugegeben, eine weit entfernt wirkende Zeit, als es noch reichte, einen Moderator als Vortänzer und Einpeitscher aufgelegte Platten anzupreisen zu lassen. Das Problem ist nicht, dass wir nicht verstehen worauf die Tragödie hinaus läuft. Es ist die umständliche und gekünstelte Art, die Marcelo Martinessi hier wählt um dies rüber zu bringen.

Verhaltener Applaus am Ende und eins der wenigen Male, wo ich beim Abspann „endlich“ denke – und nach dem verhaltenen Applaus alsbald nur noch raus will.