Berlinale 2026, Tag 10: Schaffenskrise, Familienhölle und Neubeginn

Das habe ich verdient. Nach dem Schuss in den Ofen am Vorabend: Ein starker Finale-Tag

Everybody digs Bill Evans (Irland/UK, Regie: Grant Gee)

Der Pianist Bill Evans war ab den späten 50er Jahren einer der Begründer einer neuen Form und eines Neuverständnis der Form Jazztrio. Nach den Live-Aufnahmen zu einem Epoche machenden Album verstarb sein Bassist Scott LaFaro bei einem Autounfall.

Ohne das traumwandlerische Verständnis, das Bill Evans mit LaFaro hatte, ohne das ist für Bill mehr als ein Jahr lang Musik undenkbar. Gleich vorab. Grant Gees berückendes Porträt zeigt einen Künstler, dem der Boden unter den Füßen abhanden gekommen ist.

Wir sehen ihn seine Trauer nicht rauszulassen, seine Verzweiflung ist still und insichgekehrt. Das ist keine Melancholie oder Trauer mehr, das ist eine veritable Schaffenskrise, vielleicht sogar Depression. Zuerst nimmt ihn sein besorgter Bruder Harry in den Haushalt seiner Familie auf. Doch nicht zuletzt Bill’s Heroin-Abhängkeit, auch seine Extratouren werden dem Bruder bei aller Fürsorge irgendwann zuviel.

Erst in Florida, wo sich seine Eltern zur Ruhe gesetzt haben, findet Bill mit deren Hilfe sehr langsam wieder zurück in so etwas wie Normalität. Seine patente Mutter Mary ahnt mehr von der Tiefe seiner Krise. Doch auch Vater Harry senior macht sich, wenn sich auch jovialer gebend, nichts vor und sorgt sich um den Sohn – und um dessen Talent und potenzielles Vermächtnis.

© Shane O’Connor 2026 Cowtown Pictures_Hot Property

Grant Gees beeindruckendes Porträt zeigt einen Künstler, dem -vermeintlich seiner Mittel beraubt- der Boden unter den Füßen abhanden gekommen ist. Die inszenatorische Klarheit erinnert in ihrer traumwandlerischen Sicherheit an die effiziente Wirkmacht von Evans‘ Trio-Musik. Keine falsche Note auch nur irgendwo, keine einzige Einstellung ist überflüssig, die Darsteller-Leistungen zudem allesamt glaubwürdig und geerdet.

Bildlich hält sich der Film an eine strukturierte Ästhetik, mal elegant, mal ungeschönt. Selbst die Flash Forwards ins Jahr 1973 und 1979 wirken nicht aufgesetzt, sondern konterkarieren die Haupt-Erzählung mit einer Vorausahnung.

Daraus, das es fiktionalisierte Charakter und Dialoge sind, macht der Film keinen Hehl. Gefühlt fällt hier dennoch kein einziges falsch klingendes Wort. Dies Spielfilm Debüt(!) des Dokumentarfilmers Grant Gee ist in der Wettbewerbs Sektion ein echtes Highlight!

 

Rosebush Pruning (Italien/Deutschland/Spanien/UK, Regie: Karim Aïnouz)

Eine Fast-Familie in Superreichtum: Die vor Jahren verstorbene Mutter hatte einst die Auswanderung an die spanische Küste propagiert als sie diese abgelegene Super-Villa fand. Der alternder Vater und die drei erwachsenen Kinder suhlen sich seitdem im dolce far niente.

Es ist die Art von Überfluss, wie wir ihn durch Reality TV und spekulative Streaming-Serien abgestumpft wurden zu akzeptieren: Nichtsnutze, die nur noch zum Geld ausgeben für Mode und Accessoires zu gebrauchen sind. Dinge tuend, einfach weil sie es können – auch gegeneinander.

Denn auch wenn sie anfangs nicht gänzlich unsympathisch gezeichnet werden, so stellen wir doch fest, dass sie einander nicht unbedingt grün sind. Unter der Oberfläche brodelt es. Sticheleien und Eifersucht um Status in der Familie – sonst haben sie ja niemandem mehr etwas zu beweisen.

In diese „Idylle“ bringt der älteste und noch am kompetentesten erscheinende Sohn Jack seine Geliebte: die unabhängige junge Künstlerin Martha (iih, eine Gewöhnliche!) – mit der er diesem Tollhaus entkommen will. Die Mutter übrigens ist seinerzeit durch einen grotesken Unfall umgekommen – so glauben jedenfalls alle bis auf einen die längste Zeit…

Wer sich jetzt bereits gespoilert fühlt – keine Sorge: Wer-gegen-wen (und wer mit wem), das ist die Frage, es entblättert sich hier spannend schrittweise. Die charakterlichen (oder charakterlich-fehlenden) Eigenschaften von Anna, Ed, Robert und Jack sowie ihre Niedertracht zu entdecken, dass ist der kriminologische, wenn auch fragwürdige Charme dieses Familien-beinah-Thrillers. Und darüber hinaus kommt es in der späteren Zuspitzung zu so mancher bizarren Missetat.

Das Szenario ist uns, wie gesagt, natürlich nicht fremd. Ich räume ein, dass ich Serien wie „Succession“ nie gesehen habe, nie sehen wollte! ‚Die dummen Streiche der Reichen‘, so hieß mal ein Film mit Louis de Funés. Hier nun quasi hineingestolpert, kann ich mich einer gewissen Faszination nicht erwehren. Das liegt vielleicht auch an einem Stilmittel des cleveren Drehbuchs von Efthimis Filippou: Ein auktorialer Erzähler, der gleich zu Beginn schon klingt wie ein Podcast Host. Später erkennen wir, dass es wohl ein True Crime Podcast werden könnte.

Die Storyline lässt uns zeitweilig eine Variation von Patricia Highsmiths Talentierten Mister Ripley erwarten. Später erkennen wir, dass „Adel Verpflichtet“(1949) passender ist …wo ebenfalls eine Sippe Schritt für Schritt eliminiert wird.

Dies jetzt als satirische Gesellschafts-Satire hochzudeuten? Dafür ist es (siehe oben) zu spät. Eine Eulenspiegel-artige Farce ist es aber allemal.

Am Ende dann überraschend nur verzagter Applaus im Publikum – alles Gelegenheits-Berlinale-Geher? Oder fühlt sich die Mehrheit nun doch moralisch schmutzig? Und das obwohl Lacher und Schmunzler während der zahlreichen Kapriolen, davon zeugten, dass der Film durchaus ankam.

 

At the sea (USA/Ungarn, Regie: Kornél Mundruczó)

Laura kehrt aus einer selbst-gewählten Entziehungskur zu ihrer Familie zurück. Die erfolgreiche Choreographin und Tanzkompanie Leiterin ist noch nicht ganz sicher, wie sie nun die Dinge angehen will, ein halbes Jahr war sie weg vom Fenster.

Im familären Ostküsten Sommer-Domizil angekommen laufen Ehemann Martin und die fast erwachsene Tochter Josie um Laura wie auf Eierschalen herum, nehmen ihr alles ab. Der junge Sohn, der bei einer Trunkenheits-Fahrt Lauras einst mit ihr verunfallte, fremdelt mit seiner Mutter.

Wir erleben, wie schwer es für Laura ist, das Vertrauen wieder zu gewinnen -die Tanzkompanie in NYC kriselt zudem aufgrund der Führungslücke. Trotzdem will Laura nicht wieder ins Hamsterrad, soviel ist ihr scheinbar glasklar.

Das alle(s) ohne sie auskommen musste, das -so stellt sich nun zudem heraus- nimmt man ihr latent übel nimmt. Die Familie, so wird langsam klar, hielt es tendenziell für einen Wellness Urlaub. Der Crew machte Ehemann Martin als Notlüge ein Auslands-Sabbatical vor.

Keiner ahnt, wieviel Laura -jahrelang nur mit Alkohol funktionierend und aufgewachsen mit emotionalem Missbrauch ihres Übervaters- mit sich hat ausmachen müssen.

Alles ruft nun danach, den Betrieb der kriselnden Tanzkompanie endlich wieder durchstarten zu lassen. Laura ist sich nicht sicher, ob sie sich das erneut antun will und welcher Mensch sie jetzt sein kann.

Es werden ein paar zu viele Fäden werden aufgenommen, die nicht zuende geführt werden. Dem Skript hätte etwas Straffung gut getan. Die Krise der Tanzkompanie und die Historie wirkt phasenweise etwas behauptet. Nicht alles geht oder kommt hier zusammen. Im letzten Akt wird es dann einen Hauch zu melodramatisch.

In dem insgesamt dennoch berührenden Film geht es um Vertrauen, den Wert den man hoffentlich nicht nur hat, wenn man funktioniert. Und wann es sich lohnt los zu lassen und wann, zu kämpfen.

Ja, die Inszenierung wirkt phasenweise dann doch konventionell, doch punkten kann „At the sea“ durchaus – mit manchen wahrhaft wirkenden und nachdenklich machenden, ja subtilen Momenten.

Ein starker Tag, so oder so. ein letzter Berlinale-2026-Tag hat die Treffer-Skala dann doch noch erfreulich verschoben.

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