Isländische Zärtlichkeit, mexikanischer Anti-Klimax …Berlinale 2015 #8

Stimmung: Definitiv stellt sich eine Sättigung ein, tapfer weiter !

Lage: Hörte in einem Video neulich Regisseur William Friedkin von den „Movie Gods“ reden (welche entscheiden, ob ein Film Erfolg hat oder nicht) – meine eigenen entschieden, dass ich dieses Jahr auch bei engem Zeitplan fast immer einen guten Platz im Kino bekam. Dafür Dank.

Frühmorgens in „Virgin Mountain

Den Sektions-Namen „Berlinale Special Gala“ kapiere ich nach wie vor nicht. Was ist daran Gala? Ich hatte noch kein Screening in dieser Sektion, wo sich der Regisseur gezeigt hat. Zumal es nicht unbedingt Uraufführungen sind, sondern bemerkenswerte Filme, die sonst wohl nicht eingeordnet werden könn(t)en. Wenn es aber so funkt wie hier, gerne:

Virgin Mountain
Flirten ist nicht jedem gegeben – doch man wächst mit seinen Aufgaben

Der körperlich massige Fusi (mit dem titel gebenden Berg muss er gemeint sein) lebt als Mitt-Vierziger immer noch bei seiner Mutter. Im Grunde ein erwachsenes Kind, stellt er mit seinem Kumpel nach Feierabend im Modellbau Panzerschlachten nach und wurstelt sich gekonnt durch seinen Job als Gepäck-Arbeiter im Flughafen Reykjavik. Nicht die Tatsache, dass ihn die Kollegen mit seiner scheinbaren Jungfräulichkeit triezen …sondern der Zufall bringt ihn Sjöfn nahe. Die gescheiterte Verkäuferin nimmt an dem Line-Dance-Kurs teil, der Fusi von seiner Mutter und deren Lover zum Geburtstag geschenkt worden war (…der Junge muss mal raus).

Überflüssig zu sagen, dass der schüchterne Stoiker Fusi weder Flirt-Erfahrung noch -Ambition hat. Doch das charmante Drehbuch bekommt das schon hin. Inklusive der Tatsache, dass quasi zum Überfluss Sjöfn manisch-depressiv ist.

 Wie Regisseur Dagur Kári das alles mit trockenem Humor und voller liebevoller Details ins Bild gesetzt hat, davor kann man nur seinen Hut ziehen. Sehr verdienter Applaus. Sehr froh dafür sehr früh aufgestanden zu sein.

Noch vor ein paar Tagen hatten sie die Bühne der bräsigen „Cinema for Peace“ Gala im Konzerthaus Gendarmenmarkt gestürmt. Ich überlegte nur kurz, ob ich nicht doch die TV-Ausstrahlung (Arte-Koproduktion) abwarten sollte – dann hätte ich allerdings was verpasst. Das Publikum hielt nichts mehr auf den Sitzen. Stehende Ovationen habe ich auf der Berlinale bisher kaum erlebt, hier ging es am Ende quasi gar nicht anders. Denn:

Nachmittags in „The Yes Men are revolting

The Yes Men are revolting
Irre. Diese schmucken 1-Mann-Survival Anzüge sollten in Richtung UN schwimmen – um auf notwendige Klima-Beschlüsse hinzuweisen.

Die Yes Men sind ein Aktivisten-Duo, dass seit Jahren mit gefälschten Aktionen und Pressekonferenzen Konzernen und Regierungen ihre Versäumnisse und Sünden vorhält – oft genug, indem z.B. getürkte Konzernsprecher Spenden oder Richtungsänderungen zusagen. Die Medien greifen dies peinlicher oder praktischer weise meist ungeprüft auf.

Somt sind nicht selten Aktienkurs-Einbrüche als auch Festnahmen der Akteure – manchmal aber auch Einlenken die Folge. Der aktuelle und nunmehr 3. Film über ihr Tun zeigt sie uns auch als Menschen, die ihr Privatleben damit vereinbaren müssen. Eben kurz die Welt retten, ist halt nicht. So nehmen wir an ca. einem Jahr ihrer Tätigkeiten und Erlebnisse teil und bekommen eine Vielzahl von Happenings mit. Dies sind durchaus auch komödiantische Kabinett-Stücke.

Göttlich z.B. wie der echte Vertreter der US-Chamber of Commerce die gefakete Pressekonferenz stürmt und den Yes-Man am Rednerpult herausfordert – was zum sensationellen Dialog führt „Can I see your business card ?“ –  „Can I see yours?“

Ko-Regisseurin Laura Nix, sowie Yes Men (Deckname) Igor Vamos sowie ein native-american als auch eine ugandische Aktivistin erhielten vor dem Q&A tosenden und verdienten Applaus.

Spätnachmittags in „Retrospektive Short Films: Glorious Technicolor

Wenigstens ein Screening der diesjährigen Retrospektive wollte ich nutzen. Wenn, wie bereits erwähnt, ich auch meine Zweifel hatte, wie gut digitale Projektion das frühe Technicolor transportieren kann. Doch ging es nunmal genau so sehr um die Farb-Gestaltung und auch um die Ära in der es sich durchsetzte und als Vehikel benutzt wurde.

in der Frühzeit des Farbfernsehens sagte man gerne : „die Farben sind heute ja wieder gut“

Ein kitschig-alberner Disney-Zeichentrick mit Osterhasen aus der „Silly Symphonies“-Reihe. Ein mexikanischer Kurz-Musikfilm (ebenfalls 1934), in dem folkloristisch der Evergreen „La Cucaracha“ zelebriert wird, während Tänzerinnen in schwelgerisch-farbigen Kostümen auftreten. Ein Werbe-Film über die Segnungen der modernen elektrifizierten Küche. Herrlich Fortschrittsgläubig und unglaublich chauvinistisch. Wie auch ein PR Film für New York City aus dem Jahr 1949 Einsichten in eine andere Ära der Metropole gewährte. Da wir sie aus jener Zeit fast nur in schwarzweiß kennen, auch das faszinierend.

Spätabends in „600 Millas

Wenn ich bedenke, welche Ticket-Buchungs-Verrenkungen ich unternommen hatte, um diesen Film zu sehen – ein Jammer. Tim Roth in einer Nebenrolle bei einem Thema, das entfernt, jaja, an Breaking Bad Stilistik erinnert:

Der junge Mexikaner Arnulfo schmuggelt mit einem amerikanischen Komplizen im „kleinen Grenzverkehr“ im kleinen Stil Waffen über die Grenze. Kleinvieh macht auch Mist und die beiden angehenden Gangster dürsten trotz linkischer Grünheit nach Anerkennung. Als ihnen ein gewiefter ATF (Alcohol Tobacco Firearms) Agent der US Seite auflauert überschlagen sich die Ereignisse. Zwar kann Arnulfo ihn noch überwältigen und kidnappen, doch von nun an ist er auf völlig ungewohntem Terrain und stößt schnell an seine Grenzen. An wen wenden, wohin mit ihm ? Drastische Entscheidungen folgen.

600 Millas
US Agent überwältigt…doch was nun ?

Spätestens ab Mitte einer Berlinale ist es mein Volkssport, Unterhaltungen von Sitznachbarn zu belauschen – um zu raten über welchen Film sie wohl reden mögen …um zu vergleichen, ob ich den ähnlich gesehen habe. Hier jedoch brauchte ich sie um hinterher mein lückenhaftes Bild zu ergänzen. Denn es lag nicht an der lakonischen bis zynischen Dramaturgie des Regisseurs Gabriel Ripstein. Ich war schlichtweg am Ende des langen Tages überfordert.

Falsche Erwartungen trafen auf Übermüdung – ich werde „600 Millas“ eine neue Chance geben.

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