Berlinale 2018, Tag 6: Perfektion, Psychose und moderne Frauen

L’empire de la perfection [In the realm of perfection] (Frankreich, Regie: Julien Farault)

Ich hatte aufgrund der Filminfos Experimentelles erwartet, quasi eine filmische Versuchsanordnung.

Vielmehr ist es Julien Farault, der im französchen Sportfilmarchiv arbeitet, gelungen eine Brücke vom klassischen Lehrfilm zu einer Charakterstudie eines Spitzensportlers zu schlagen. Um nebenbei die Interessante These aufzustellen: Im Tennis wie beim Film gehe es darum, die Zeit zu gestalten.

Was zunächst wie eine steile These wirkt, wird nach und nach deutlicher. Denn im Tennis zwingt der dominierende Spieler dem Gegner sein Spiel auf und setzt somit durchaus den Zeitrahmen für eine Partie.

Regisseur Farault konnte aus dem Vollen schöpfen: Der französche Tennisverband ließ nämlich -als erkannt worden war, dass klassische Lehrfilme mit der Praxis nichts zu tun hatten- in den 70er und 80er Jahren eine endlose Fülle an Material während der French Open Turniere drehen. Dies sollte später zur Analyse und als Lehrmaterial herhalten.

Nachdem Quasi-Archivar Julien Farault einiges zu diesem Zwecke zusammen schnitt,  erkannte er, dass quasi eine Psychostudie über John McEnroes auf der Hand lag.

„THE BALL WAS OUT!“ Eine von McEnroes unzähligen Konflikten mit den Linienrichtern.

Wer vor dreißig Jahren Tennis verfolgte, kam an dem Ausnahmetalent McEnroe nicht vorbei (…wie auch die meisten seiner Gegner). Berüchtigt waren aber auch seine Temperamentsausbrüche auf dem Court bei Streit mit den Schiedsrichtern.

Was die Perfektion betrifft: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewann McEnroe beinah 96% Prozent der Matches einer Saison. Ein bis heute ungebrochener Rekord! Somit, so räumte Julien Farault ein, war es verständlich dass dieser Topspieler an der -in den 80ern erwiesenermaßen mittelmäßigen- Qualität der Schiedsrichter verzweifeln musste. McEnroe konnte einfach nicht fassen, dass man sich mit weniger als Perfektion zufrieden gibt.

Eine außergewöhnliche, faszinierende Melange aus Philosophie, Psychologie, Sporttheorie und Zeitgeschehen.

Madeline’s Madeline (USA, Regie: Josefine Decker)

Von Regisseurin Josephine Decker sah ich 2014 gleich zwei Filme (siehe hier im Archiv). Der eine dicht und beeindruckend, der andere -ok, ich war unausgeschlafen- verwirrend und artsy. Das konnte ja was werden. Auf jeden Fall freute ich mich auf ein Wiedersehen mit Schauspielerin Miranda July, deren 2011 zurecht vielbejubelten Film „The Future“ ich seinerzeit im Festival verpasst  hatte.

Zur Handlung: Die heranwachsende Madeline (Helena Howard) lebt mit ihrer allein erziehenden Mutter Regina (Miranda July). Beide haben es nicht leicht, denn Miranda kämpft mit einer psychischen Störung und hat schon einen stationären Aufenthalt hinter sich. Immer wieder wird der ansonsten fantasievolle und lebensbejahende Teenager  von psychotischen Episoden geplagt. Von Mutter Regina wird viel Geduld und Verständnis gefordert. Von der Tochter, die angebotene Medizin und Hilfestellungen auch anzunehmen. Wofür Teenager ja nun nicht gerade bekannt sind. Zumal die Mutter natürlich auch mal über das Ziel hinaus schießt.

Wirklich aufgehen, das tut Madeline voll und ganz bei den Proben einer Theatergruppe. Die sympathische, doch manchmal planlos wirkende Evangeline (Molly Parker) ist von ihr so beeindruckt, dass sie in der Probenarbeit Madelines Rolle immer weiter ausbaut. (Ihr Stück ändert sich sowieso jeden Tag, zum Unbill des Ensembles).

Mutter Regina wird ein Stück weit eifersüchtig über die Befreiungs-Erfolge ihrer Tochter. Denn Evangeline scheint besser zu dem Mädchen durchzudringen als all die guten Absichten und Maßnahmen Reginas.

Genau genommen ringen hier drei Frauen um Kontrolle (schon wieder ein Echo aus meinem ersten Berlinalefilm dies Jahr) über ihre Position, ihrer Ziele. Regisseurin Evangeline kann sich einfach nicht festlegen oder gar entscheiden (Josephine Decker gab im Anschluss zu, ein Gutteil von ihr Stecke in der Figur). Madeline traut noch nicht ihrem erstmals gefundendenen Selbstvertrauen. Und Regina schließlich hat bei aller verständlichen Sorge wohl noch nicht realisiert, dass es irgendwann darum gehen wird, ihre Tochter loszulassen.

Passend: Wie auch seine Hauptfigur scheint der Film seine Hochphasen zu haben um ab und zu wieder fast zu entgleisen. Wenn auch die optischen Eskapaden (starke Schärfeverlagerungen bei Nahaufnahmen während Madelines Psychosen) durchaus faszinieren. Insgesamt hat „Madeline’s Madeline“ Regisseuring Decker ein ganzes Stück weiter nach oben aufs Podest gehoben.

Madeline mit Tunnelblick

Als gegen Ende die erratische Regisseurin, dann auch noch auf die Idee kommt, Madelines Mutter in die Probenarbeit einzubeziehen, befürchtet das Mädchen seinen angstfreien Rückzugsort zu verlieren. Kurzerhand bricht Madeline eine einzigartige Solo Improvisation vor der versammelten Truppe vom Zaun, in der sie  sich sozusagen frei spielt. Wie das und der folgende Tumult als auch das symbolträchtige Ende in Szene gesetzt werden, ist -wie man so schön sagt- schon eine Kunst.

 

Das Abenteuer der Thea Roland (Deutschland, Regie: Hermann Kosterlitz)

Eins vorab: Der Regisseur machte nach seiner Emigration in Hollywood als „Henry Koster“ Karriere. Ihm verdanken wir z.B. „Mein Freund Harvey“, „Das Gewand“ und „Die Ferien das Mr.Hobbs“.

Warum dieser Film im Berlinale Programm Das Abenteuer einer schönen Frau hieß erschließt sich mir nicht. Ganz klar war der von mir genannte Titel Original-Vorspann zu lesen. Nun denn:

Auch unsere Urgroßeltern kannten schon romantische Komödien, neudeutsch rom-coms. 1932. Bildhauerin Thea (Lil Dagover, wie immer vornehm-attraktiv) ist auf der Suche nach einem Modell. Der Zufall führt ihr dabei Boxer Jerry (Hans Rehmann, sympathische Urgewalt) über den Weg.

Nachdem ein paar Missverständnisse für peinliche, doch sehr amüsante Verwicklunge sorgen… verbringt man eine Liebesnacht zusammen. Da Jerry allerdings schon am nächsten Morgen nach London abreisen muss (er ist Deutsch-Brite), wird es nichts aus trauter Zweisamkeit. Zudem Thea am Bahnhof durch ein weiteres Missverständnis (in einer guten  Rom-Com wimmelt es davon) annehmen muss, dass Jerry in Wirklichkeit eine andere hat.

UFA-Star Lil Dagover

Kurz darauf stellt Thea fest, dass sie in -man damals sagte- guter Hoffnung ist. Sie besteht darauf, das Kind allein aufzuziehen und ihrem Künstlerzirkel und Freundeskreis den Namen des Vaters nicht Preis zu geben. Ein Jahr später steht bei einer Party wieder Jerry auf der Tür…

Erstaunlich wie gut viele der Pointen die Zeit überdauert haben. Das heutige Publikum amüsierte sich, mich eingeschlossen, bestens. Äußerst verblüffend und komplett unvermutet, dass 1932 eine weibliche Titelfigur im Film realistisch eine vaterlose Kindschaft in Erwägung ziehen konnte. Dieses Gesellschaftsbild sollte sich bekanntermaßen bald darauf ändern.

Am Rande: Branchenwitz, uralt: Ein Kriegsfilm. Sie kriegen sich am Ende.

 

Lemonade (Rumänien,Kanada,Deutschland,Schweden; Regie: Ioana Uricaru)

Wir begegen Mara, die mit ihrem vor kurzem Angetrauten Daniel so gerade über die Runden kommt. Die gebürtige Rumänin hofft, sich in den USA neu erfinden zu können. Eine gescheiterte Beziehung will sie hinter sich und ihren Sohn bald nachkommen lassen.

Doch nun muss sie sich bei der Immigrations-Behörde langsam den Vorwurf gefallen lassen, sie hätte den Hilfsarbeiter nur geheiratet, um an eine Green Card zu kommen. Unglaublich geschickt und immer abgefeimter verstrickt der Beamte die bald verzweifelte Mara in widersprüchliche Aussagen – um kurz darauf sexuelle Gefälligkeiten von ihr zu verlangen.

Gegen Anraten ihrer ebenfalls rumämischen Freundin und des von ihr empfohlenen Rechtsanwaltes, beichtet sie ihrem Mann ihre Situation. Worauf es zur Eskalation kommt und sie mitsamt Sohn vor ihm flüchtet.

Doch Maras Rechtsanwalt (ebenfalls ausgewandert) hat noch ein As im Ärmel. Der Ex-Serbe nämlich hat mittlerweile gelernt, das US Rechtssystem zu auszunutzen.

Wo sind die unbegrenzten Möglichkeiten

So routiniert Regisseurin Uricaru die Story erzählt, verdanken wir es eher dem gefühlvollen Spiel von Hauptdarstellerin Málina Manovici, dass die Story nicht beliebig erscheint. Das Ganze wird geradlinig und konventionell in Szene gesetzt, dass wir beim lapidaren Ende ein wenig das Gefühl haben, einen halben Film gesehen zu haben.

Das kann es also auch geben: Dass man angefixt von einer Woche Filmkunst einen solchen Film gerade noch für passabel hält.

Veröffentlicht unter Berlinale

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