Berlinale 2022, Tag 1: Wachwechsel

Als ich vor zwei Jahren aus dem  letzten Film des Jahrgangs 2020 kam, ahnte ich nicht, dass es das erstmal mit Festivals gewesen sein würde. Zur Erinnerung: Die damalige Berlinale fand kurz vor dem Ausruf der COVID-19 Pandemie statt. Damals 34mal in ausverkauften Vorstellungen gesessen zu haben …erscheint derzeit noch aberwitzig.

Cinco lobitos | Lullaby (Spanien, Regie: Alauda Ruiz de Azúa)

Die Mitt-Dreißigerin Ameia (Laia Costa) steht neben sich. Ihre angereisten betagten Eltern Begoña (Susi Sánchez) und Kaldo sowie ihr Mann Javi bemühen sich, ihr die ersten Tage nach der Niederkunft mit ihrer Tochter Jone in der Wohnung zu erleichtern. Schmerzen, emotionale Schübe, die vom Säugling scheinbar unablässige eingeforderte Fürsorge… Ameia weiß nicht wo ihr der Kopf steht. Großmutter Begoña bei der Abreise nach einer Woche lakonisch: „Was erwartest Du? Du bist junge Mutter.“

Als auch Javi dann für einen Job mehrere Tage verreisen muss, kommt es zu einem ersten Eklat: Der Säugling fiebert …und plumpst – während Ameia ihre Mutter anrufen will-  von der Couch. Nach einem frenetischen (und unnötigen) Kurzbesuch in der Notaufnahme verlässt Ameia nebst Kind kurzentschlossen die Madrider Wohnung und fährt zu ihren Eltern in ihre alte Heimat im Baskenland.

In deren küstennahem Bungalow entsteht ein rumpelndes Dauer-Provisorium: Die halsstarrige aber gut meinende Begoña hat nicht nur ihren herzensguten, aber leicht genervten (und grenz-senilen) Gatten unter der Fuchtel. Nicht nur über die Kindspflege wird gestritten. Mal erbittert, mal konstruktiv. Ameia: „Mir ist Jone vom Sofa gefallen“ Begoña: „DU bist damals kopfüber aus der Wiege gefallen – und sprichst jetzt 5 Sprachen…“

Wenn es sich auch irgendwann (die Eltern verkraften dann auch noch den Besuch und Quasi-Einzug von Javi) einigermaßen einspielt, steht bald eine ganz andere Herausforderung an. Groß-Mutter Begoña braucht aufgrund akuter Erkrankung mehr Hilfe als ihr lieb ist. Ameia irgendwann „Das war ein Scheißtag – und morgen werde ich wieder einen Scheißtag haben“ Begoña : „Ich würde sofort mit Dir tauschen“

Alle vier machen es sich miteinander nicht leicht und müssen im Laufe in ihrer Situation neu zurecht finden. Allen voran meistert Ameia ihre gewechselte Rolle in einer für sie ungewohnten Art. Der Generations-Wechsel wird langsam aber sicher zur Wachablösung.

Regisseurin und Autorin Ruiz de Azua hat es geschafft, einen durchweg unsentimentalen Ton zu treffen und dennoch viel Gefühl für ihre Protagonisten zu erweisen und uns zu berühren. Alle emotionalen Momente machen Skripf und Inszenierung plausibel und nutzen sie nicht als bloße tearjerker aus. Das flotte Pacing des Films ist fast so lakonisch wie Begoñas Kommentare und Spitzen. Bis hin zu einer Schlussnote, die in Kürze und Direktheit ohne überflüssiges Pathos auskommt.

Das mag damit zu tun haben, dass Alauda Ruiz de Azua mit dem Skript eigene überwältigende Erfahrungen ihres Mutter-Seins verabeitete, wie sie im anschließenden Q&A verriet. Auch Hauptdarstellerin Laia Costa gab zu, dass sie beim Lesen des Skriptes erst noch fremdelte – als auch sie bald darauf (noch vor den Dreharbeiten) ihr erstes Kind bekam, gingen ihr beide Augen auf. Sie wies außerdem darauf hin, wie wichtig es sei mit eingenen Unzulänglichkeiten gelassen umzugehen – in Zeiten Selbstoptimierungs-Druck und vermeintichem Instagram Perfektionismus.

Übrigens: Die Einstellung mit Kinderwagen neben Rollstuhl ist schon jetzt ein schwer zu toppendes Highlight dieses Jahrgangs, so meine Voraussage.

Man muss sich bei „Cinco lobitos“ quasi mehrmals kneifen: Der Film ist ein Regie Debüt! Alauda Ruiz de Azua zeigte sich dann auch bei Ansprache vor dem Screening bewegt, „You are my first audience.“ Sie wäre gespannt, wie der Film aufgenommen würde – und vermute, dass wir weinen und auch lachen werden. Circa eine Minute im laufenden Abspann ging dann ein sehr lang anhaltendender Applaus los – und, in der Tat: Filme wie dieser haben es verdient in Gemeinschaft erlebt, auf Leinwand geschaut zu werden.

Endlich ist es wieder soweit.

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