Der Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung schreiben derzeit von abnehmender Relevanz der Berlinale – die sich unter den „Big Three“ Festivals sieht. Cannes und Venedig würden mehr Prestige-trächtige Filme abgreifen. Die Berlinale glänze mittlerweile vor allem mit Spezialitäten bis Abseitigem.
In der Tat fiel mir die Vorauswahl für meine Wochenplanung diesmal nicht leicht. Lücken taten sich auf, ich setzte auch Filme in meine Vorplanung von denen ich nicht völlig überzeugt war. Mein Start-Film überzeugte mich dann doch mehr als der meines letzten Jahres:
Iván & Hadoum (Spanien/Deutschland/Belgien, Regie: Ian de la Rosa)
Iván ist noch nie aus seiner Heimat Almeria heraus gekommen, ist Licht und Landschaft verbunden. Er ist Vorabeiter in Packbereich eines Agrar-Großbetriebes. Die Grenze zum Prekariat ist nah: es ist der einzige nennenswerte Arbeitgeber in der Region. An sich ist er für den Job des Einpeitschers zu nett. Immer wieder wird er vom Fabrikbesitzer ermahnt, im Akkord mehr anzutreiben. Sonst würde es nichts mit Fortkommen im Betrieb.
Während einer Schicht fällt ihm der Hadoum auf, die gerade neu anfängt. Sie kennen sich aus Kindertagen – „als Du noch ein Mädchen warst“ (Hadoum burschikos zu Iván). Der resoluten Hadoum ist solches aber einerlei. Ivan wird feststellen, dass Hadoum ein Freigeist ist. Schon einiges von der Welt gesehen und nicht bereit, klein beizugeben. Im Betrieb führt das irgendwann zu Spannungen – zwischen ihr und Ivan aber funkt es positiv. Kurz nachdem beide bei einer Kneipenschlägerei rausfliegen.
Iván erlebt im Haushalt mit Mutter und allein erziehender Schwester später jedoch auch Animosität: Ob es denn eine Marokkanerin hätte sein müssen..! So richtig tragfähig ist die non-Beziehung der Beiden nicht. Nicht zuletzt ist Iván halt für Hadoums Kolleginnen auf der Arbeitgeber-Seite. Ein Verkauf des Betriebes steht im Raum, Rationalisierung wird befürchtet.

Vielleicht nicht Romeo und Julia (der Vergleich fiel im Q&A) – doch nicht nur für einen Debütfilm ist Ian de la Rosa hier viel gelungen! Die Szenensetzung ist stimmig, die Bildgestaltung setzt auf interessante Blickwinkel und auf konzentrierte Einstellungen wenn es drauf ankommt. Das Mienenspiel der Hauptdarsteller ist es denn auch wert. Sogar eine beeindruckende 360° Fahrt, die an Fassbinders „Martha“ gemahnt, springt heraus. Nicht bloß Show, sondern ein Schlüsselmoment. Michael Ballhaus hätte mit der Zunge geschnalzt.
Silver Chicón überzeugt dabei, Iváns unsichere Zerrissenheit zu charakterisieren. Herminia Loh, die sich im anschließenden Interview als schüchtern bezeichnet, dosiert Hadoums Abgebrühtheit sehr fein. Das Drehbuch hält einige feine oder nicht so fein Spitzen bereit. „Ich mag deine Pu$$y“ – „und ich deine“. Auch das Drehbuch stammt von Regisseur Ian de la Rosa, übrigens ebenfalls trans Mann.
Nicht nur das hat er mit der Hauptfigur gemein. Er liebe seine Almeria. Ich liebe das poetische Ende seines Debütfilms.
Good night, have fun, don’t die (Deutschland/USA, Regie: Gore Verbinski)
Normalerweise hebe ich mir so etwas flashiges für die Berlinale Zielgerade auf. Doch: siehe oben. Eigentlich schon zuviel Spaß für einen ersten Berlinale Tag.
Ein völlig absurd ausgestatteter Zausel betritt einen gut besuchten Diner. Lautstark blökt er bald pöbelnd die verdutzten Gäste an, sie wären ja ahnungslos: er käme aus der Zukunft und das Schicksal der Menschheit stünde auf dem Spiel. Wer schließe sich ihm an – „because things are really gonna get f#cked up“.
Er gibt zu, dies sei sein 117. Anlauf! Alle vorherigen Versuche seien im Desaster geendet. Doch er sei überzeugt, lediglich die richtige Kombination von 6-7 Freiwilligen in diesem Restaurant ist der Schlüssel. Er habe sie bloß noch nicht gefunden. So weit, so irre.
Wie die neue Truppe dann dem bald von schießwütiger Polizei umstellten Diner entflieht, dass ist nur der allererste Schritt dieser abstrusen Nacht, deren Zeuge wir werden. Die Zusammengewürfelten finden sich in aller Art von irren lebensgefährlichen Situationen, Kugelhagel, Messerschwinger, Abgründe, Roboter und anders Ferngesteuerte. Die Post geht ab. Mächtig und laut.
Erst war ich enttäuscht, dass ich so weit hinten zu sitzen kam. Nahm ich doch zu Recht an, dass für diese Europa Premier Regisseur und Hauptdarsteller kommen würden. Die gaben sich dann schon vor dem Film ausgelassen. Später dachte ich, dass ich vorne Hörschutz gebraucht hätte: Die Lautstärke im Zoo Palast war diesmal bei aller Liebe nicht mehr normal.
Bildgewaltige tour de force ist fast noch untertrieben. Mehr ist hier mehr. Der Film will nicht weniger als Alles. Interessanterweise schafft er das sogar.

Dass diese überdrehte Nummer Regisseur Gore Verbinski nicht um die Ohren fliegt, davor muss man schon den Hut ziehen. Denn wie hieß es bei Shakespeare so treffend: Though this be madness, yet there is method in it!
Bei einer ersten von vier Rückblenden denkt man noch: Oh, oh – verliert sich jetzt der Erzählstrang? Doch es braucht halt Information, um dies durchdachte Panoptikum plausibel zu machen.
Und Autor Matthew Robinson und vor allem Regisseur Verbinski schaffen das Kunststück, uns über die stattliche Laufzeit bei der Stange zu halten. Obwohl hier so viel los ist, bleibt gerade noch genug Zeit, die Bezüge zu unserer Schönen Neuen Welt zu erkennen.
Seit der letzten Berlinale geht es in den leider immer USA exzessiver zu. Bis zu bewaffneten, gewaltbereiten Söldnertruppen der Immigrationsbehörde.
Dass in einem Erzählstrang die Alltäglichkeit von US school shootings aufs Korn genommen wird, ist ein weiterer zynischer Seitenhieb dieses Spektakals. Wie hieß es in Billy Wilders „Eins,Zwei,Drei“ so treffend: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
Gewarnt wurden wir ja schon einige Male: Terminator, Matrix, 12 Monkeys, das Gesamtwerk von Douglas Adams. Und auf dessen Schultern stehen der Autor Robinson und Regisseur Verbinski natürlich.
Für solche Filme war seinerzeit Ex-Monty-Python Terry Gilliam die erste Adresse. Doch der ist ja nach einigen Flops geschasst worden. Er darf sich nun wenigstens freuen, dass sein Vermächtnis pralle Früchte getragen hat.
„Good luck, have fun …“ ist die bittere Satire, die unsere Zeit nötig hat. Smartphone-Hörigkeit, Online Abhängigkeit, Virtual Reality, Künstliche Intelligenz, Spam Shopping… Es ist womöglich nicht fünf vor zwölf – sondern weit nach zwölf, so sagt Darstellerin Haley Lu Richardson nach dem Film auf der Bühne sinngemäß. Und dass, obwohl sie nach eigenem Bekunden bereits 4 Glas Champagner intus hatte.
Eine gar nicht mal so verstiegene Frage aus dem Publikum, wie man denn bei einem so sozial-medienkritischen Film im Nachspann zu facebook, instagram etc. einladen könne? Darsteller Michael Pena kontert gekonnt, wenn man für Kunst werbe ginge das in Ordnung. Regisseur Verbinski erleichtert zu ihm „you saved me – I would have messed it up“.