Berlinale 2014, Film #20 …oder: Heranwachsen vor der Linse

ist das überhaupt noch ein Plot ? ‚Kindheit mit der Kamera über ein Jahrzehnt begleiten‘ ? Das scheinbar unmögliche Unterfangen, eine Storyline mit den gleichen Darstellern über ein Jahrzehnt zu filmen.
Irgendwo, irgendwann -so erinnere ich mich – ist dies schon mal so angegangen worden. Ich schätze, bloß noch nie so gut.

Boyhood

Mason und seine Schwester Samantha leben nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Mutter. Die Mutter entschließt sich, noch einmal zu studieren, hat bei der Partnerwahl in den zehn Jahren die wir begleiten leider erst sehr spät ein gutes Händchen. Der Teilzeit-Vater wandelt sich vom (sympathischen) Leichtfuß zur Ernst zunehmenden Vaterfigur. Nicht ganz nebenbei erleben wir, wie Mason und Samantha ihren Weg durch Kindheit und Jugend gehen. Ok, auch in zweidreiviertel Stunden wird sicher einiges verkürzt oder ausgelassen. Doch überzeugt hier umso mehr die Qualität der Jungdarsteller – und das Privileg, sie aufwachsen zu beobachten.

Wer sollte sich so etwas nun anschauen ? Jeder, der sich einmal über Vater oder Mutter aufgeregt hat, aber seinen Eltern einmal unrecht getan hat. Jeder, der sich über Bruder oder Schwester schon einmal auf die Palme gebracht haben – jeder, der überlegt, wie es wohl gewesen wäre Bruder oder Schwester gehabt zu haben. Jeder, der sich um sein Kind schon einmal Sorgen gemacht hat. Jeder der in einer Zukunft auf die Genugtuung hofft, dass der Nachwuchs doch ganz gut geraten sei. Jeder, der jemand seine eigenen Schritte in die Welt hat machen lassen – oder diesen Tag herbei fürchtet.

Mason (Ellar Coltrane) zu Beginn der 10 Jahre umfassenden Handlung

Richard Linklater ist ein verflixtes Genie, was Erzählkino betrifft. Sein beiläufiger und trotzdem berührender Stil ist drauf und dran Legende zu werden. Es sind scheinbar Allerwelts-Dialoge. Doch unter der Oberfläche ist eine große Tiefe. Beispiel?
„They say seize moment, right ? I feel it’s more the other way round. It’s the moments seizing us…“

Randbemerkung: dies war mein „gewonnenes“ Ticket. Zur Erinnerung: ich hatte mir für den für mich auszufallenden „Nayak“ irgendein (irgendein!) Ticket aussuchen dürfen. Statt Trostpreis also Jackpot. Ich wählte diesen längst ausverkauften Film. 164 Filmminuten innerhalb eines 12Film3TageMarathons schienen zwar kein weiser Entschluss – es wurde aber zu einem meiner diesjährigen Highlights.

In Kürze hier (nach 10 Jahren Kindheit): kurze Jugend

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