Parallelmontage am Samstag – Berlinale 2015 #9

Stimmung: Amtlich die Bodenhaftung verloren – auf dem Weg zum ersten Film des Tages bemerkt, dass ich auf dem Weg zum falschen Kino bin. Gerade noch rechtzeitig.

Highlight: Dies sollte allerdings mein einziger Ausrutscher innerhalb 10 Tagen und 33 Vorstellungen sei

Highlight 2: Endlich einen Film gemeinsam mit meiner Frau geschaut. Wenn auch nicht gerade ein Film-Glücksgriff am Ende des Tages

Mittags in „Onthakan“

The blue hour, so lautete laut Programm der übersetzte Titel des Filmes. In der Tat bewegte scheint sich der Film im Halblicht der Dämmerung zu bewegen. Der Junge Tam hat es nicht leicht. Dass in der thailändischen Gesellschaft Homosexualität eher noch ein Tabu ist, macht ihn zum Außenseiter und Einzelgänger…just zu einer Zeit, in der sich erste romantische und sexuelle Gefühle regen.

Onthakan
Silhouetten am Beckenrand – Vorboten ?

Der scheinbar reiferen und verwegener Phum bandelt online mit ihm an. Treffpunkt ist ein stillgelegtes Schwimmbad am Stadtrand. Ein Ort, der den beiden voller Geister scheint  (Vom letzten Urlaub kann ich bestätigen, wie sehr die thailändischen Kultur in diesem Glauben verwurzelt ist). Von seinem Familie unverstanden bis genötigt, lässt er sich immer mehr auf Phums Welt ein: voller geheimer Orte, unheimlichen Begegnungen, Tag- sowie Albträumen und schicksalhaften Entscheidungen. Regisseur Anucha Boonyawatana nimmt sich soviel Zeit wie er braucht, um die Schraube langsam anzuziehen. Bis weder Tam noch wir mehr wissen, was Wahn und Wirklichkeit ist. Sehenswert.

Nachmittags in „Mariposa“

Der Flügelschlag eines Schmetterlings (span.:Mariposa) ändert den Lauf der Zeit: in der einen Realität setzt eine Mutter ihr Kind im Wald aus – In der anderen behält sie es und zieht es selbst groß. Zeitsprung -> Komplett parallel inszeniert sehen wir die nun Jugendliche Romina und den Jungen Germán in zwei Realitäten:

Einmal als Halb-Geschwister (Romina wurde als Findelkind von Germáns Eltern großgezogen). Einmal als Zufallsbekanntschaften, die sich über unbeholfene Flirts kennen lernen.

In beiden Realitäten spüren sie eine fatale Anziehungskraft aufeinander. Doch nur in einer ist dies gesellschaftlich akzeptabel…

Die Idee der alternativen Realitäten ist nicht neu, aber sehr reizvoll umgesetzt. Wenn auch mit fraglichem Zweck und Aussage ! Bis zum Ende nämlich wird so nahtlos zwischen den beiden Ebenen überblendet, sind die Realitäten trotz unterschiedlicher Konstellationen so ähnlich, dass wir quasi annehmen müssen, wir seien unserem Schicksal letztenendes doch ausgesetzt. Warum dann nur eine der Geschichten ein gutes Ende kennt, weiß nur der ansonsten sehr geschickte Regisseur und Autor Marco Berger.

Mariposa
wäre sie doch bloß nicht seine Halb-Schwester

Elektrisierend und fast greifbar allerdings die Anziehungskraft zwischden den beiden Hauptfiguren, dargestellt von Ailín Salas und Javier De Pietro. Dieser anregenden Stilübung verzeiht man dann auch den moralisierenden Schluss-Ton.

Bis es und wie es endlich zum Akt kommt – behutsam und eindringlich dargestellt.

ps.: Ich las, der Regisseur wollte die eine Geschichte als Tragödie, die andere als Komödie angelegt wissen. Das muss man allerdings gesagt bekommen. Üben wir noch.

Spätabends in „Nasty Baby“

Beim reizbaren Freddy und dem erdigen Mo hängt der Haussegen etwas schief. Beides New Yorker Künstler, versuchen sie mit Polly  -Freundin und Leihmutter in Spe- Nachwuchs zu bekommen. Bloß: Freddy ist nahezu unfruchtbar…und Mo bekommt langsam Zweifel an der Geschichte. Auch weil Freddy tendenziell ein Hitzkopf ist und durchaus unreif für eine Vaterrolle erscheint. Wie er sich z.B. immer wieder von einer Nervensäge aus der Nachbarschaft aus der Ruhe bringen lässt, scheint kein gutes Vorzeichen zu sein. Beim Besuch von Mo’s Familie gibt’s dann obendrein auch noch Ressentiments ala: Wenn’s nicht klappt, dann sollte das vielleicht ein Zeichen (weil beides nicht natürlich) sein (?). Die Nerven liegen blank.

Nasty Baby
hoffentlich klappt es diesmal

Stilistisch eher unnötig: die unablässig wackelige Handkamera. Ersatz für inszenatorische Unzulänglichkeiten ? Die Story ist andererseits nicht nur gut zu erzählen, sondern auch interessant dargestellt. Leider glaubt der Film (bzw. Autor/Regisseur/Hauptdarsteller) Sebastian Silva nicht an ein happy end – nicht mal an ein halbes:

Als es sich zum Guten zu wenden scheint kommt es zu einem kaum nachvollziehbaren Gewalt-Akt. Oder ist das ein US-Ding ? Alles was recht ist, doch gegen Ende fliegt der Film aus der Kurve ! Ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob es nicht auch ohne die letzten 20(?) Seiten Drehbuch gegangen wäre…

So war mir nicht nur wegen der wackligen Kamera flau im Magen. Jede Menge Diskussions-Stoff mit meiner Liebsten.

Morgen ist auch noch ein Tag – wenn auch der 10.und letzte der Berlinale !

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