Berlinale 2016, take10 – oder Frankreich – Neuseeland 1:0

Eine Zeit, auf die man mit Vorfreude wartete, geht zu Ende. Eine bekannte Mischung aus Melancholie und Erleichterung kommt auf. Man überlegt, ob nächstes Mal neun statt zehn Tage vielleicht der Sweet Spot wären. Doch würde man dann nicht etwas verpassen ? Rechne ich nach, komme ich zu dem Ergebnis: Wenn ich die drei enttäuschden Filme meiner diesjährigen Auswahl abrechne …wäre das ganze in einem Tag weniger zu „schaffen“ gewesen. Doch wie ein Film wird, weiß der Zuschauer vorher nunmal nicht…und das macht wohl auch den Reiz des Ganzen aus.

Mahana (Neuseeland)

In der Maori-Familie Mahana besteht seit Jahrzehnten eine feste Herrschaft. Großvater Tamihana hat die Zügel eisern in der Hand, sein Wort ist Gesetz. Keiner seiner fünf Söhne, und auch niemand in deren Familien wagt auch nur Widerspruch. Ihr Leben, das sie als Schafscherer bestreiten ist arbeitsreich – und seit Jahren liegt man mit der Familie Poata in harter Konkurrenz und Fehde. Nur Tamihanas Enkel Simeon scheint einen eigenen Kopf zu haben, muss ihn aber unten halten – sonst drohen Strafarbeiten auf der Farm noch und nöcher.

Simeon findet alte Fotos, macht sich seinen Reim – und wagt es mit der Zeit als Erster die Mythen auf denen diese Familie und ihre Fehde beruht zu hinterfragen. Der Streit am Tisch des Großclans eskaliert und führt zur Verstoßung der Familie von Simeons Vater. Doch Großmutter Ramona lässt sie auf einem vergessenen Stück Land unterkommen. Land, dass ihr einst während ihrer Verlobung zustand. Eine Verlobung mit einem anderen als Großvater Tamihana…

201607518_3_IMG_543x305
Das erste Mal den Blick nicht senken

Das Skript nach dem Buch von „Whale Rider“-Autor Witi  Ihimaera hält sich nicht mit Feinheiten auf, vermeidet aber weitgehend zur bloßen Schmonzette zu werden. Die Rollen sind klar verteilt.

Die soziale Situation der Maori im Neuseeland der 60er Jahre wird hier nur ganz am Rande beleuchtet. Genau genommen könnte das ganze auch in der französischen Provence, im schottischen Hochland oder im Wilden Westen spielen. Dass Hauptfigur Simeon Westernfilm-Fan ist scheint da nur stimmig. Denn Regisseur Lee Tamahori (Whale Rider, Die Letzte Kriegerin, Stirb an einem anderen Tag) arbeitet manchmal hart an der Grenze zum Klischee.

Zugegeben gut unterhalten fragt man sich : Warum ist das Ganze dennoch einnehmend? Vielleicht weil patriarchalische Strukturen auch nach 50 Jahren und nicht nur in Neuseeland für Kummer und Leid sorgen.

Generation14 Mix 

Für mich hat sich dies Jahr ein Snack als Gold wert bewiesen: Studentenfutter. Der nahrhafte Mix aus Nüssen und Rosinen belastet nicht zu sehr, war bequem auch noch kurz vor Vorstellungen zu naschen und hält einige Zeit vor. Das Kurzfilmprogramm ist in etwas so wie eine Nussmischung:

Man weiß nie genau was man kriegt, dafür waren die Inhaltsangaben der sechs bis 20 Minuten langen Filme dann doch zu ungefähr. Doch -siehe oben- das macht ja manchmal gerade den Reiz aus !

Nicht alle der sieben heute gezeigten Werke konnten vollends überzeugen, ich konzentriere mich hier auf die wirklich bemerkenswerten. In Carousel (Großbritannien) hat ein kurzes Streitgespräch zwischen einem erwachsenem Mann und einer jungen Frau ein unerwartetes Echo. In Chrystal Lake bekommt ein trauerndes Mädchen von dem wir raten müssen was ihr widerfahre ist, von ihrer scheinbar schroffen Gastgeberin neue Hoffnung.

201605749_2_IMG_543x305
Das soll ein Liebesnest werden

Der argentinische El inicio del Fabrizio (dies Jahr übrigens Träger des Generation-Kurzfilmpreises) zeigt wie ein 13jähriger und seine Kumpel „das erste Mal“ nicht erwarten können. Sie haben allerlei übereifrige Einfälle und doch kommt der Titelheld dann zu einer beruhigenden Einsicht. Zwei Freundinnen spielen in The Boyfriend Game bei einem Waldspaziergang ein Szenario mit noch gar nicht vorhandenen Boyfriends durch. Ein einziger Satz am nächsten Morgen, am Ende des Films stellt das zuvor Gesehene auf den Kopf.

Wenn es ein schönes, wieder kehrendes Thema gab, dann dass mit Erwartungshaltungen gespielt wurde, dass wir zumeist überrascht wurden, Sichtweisen in Frage gestellt wurden.

Es ist gute Tradition bei mir, etwas für den Abschluss zu buchen, dass einfach mal Spaß macht. Was über meinen letzten Film des Festivaljahres zu lesen war, ließ so etwas wie ein französisches „Sideways“ vermuten:   Saint Amour (Frankreich)

Bruno ist Landwirt. Der Betrieb seines Vaters, des Bullenzüchters Jean hängt ihm jedoch zum Halse raus. Es muss doch mehr geben im Leben als Landwirtschaft! Der jährliche Besuch der Beiden auf Landwirtschafts-Messen wird von Bruno benutzt um sich an den Winzer-Ständen voll laufen zu lassen…gern mit darauf folgender Jagd durchs dortige Schweinegehege und anschließendem Nickerchen. Vater und Sohn haben vor nicht allzu langer Zeit ihre Frau bzw. Mutter verloren. Somit zeigt Jean bei Brunos diesjährigem Ausfall mehr Verständnis als sonst und bietet dem Sohn an, kurzerhand eine echte Reise durch die französischen Anbaugebiete zu machen. Übermütig wird ein Taxi gechartert und los geht’s!

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Bruno als Gewohnheits-Trinker zu bezeichnen wäre weit untertrieben) wird Wein konsumiert, seltsame Bekanntschaften in noch seltsameren Herbergen werden gemacht. Der sehr junge Taxifahrer Mike (irgendwann beträgt der Taxameter-Stand bereits 2546€, aber: hey!) scheint da noch der Vernünftigste unter den Dreien. Doch auch sein Geheimnis werden wir noch kennen lernen. Und am Ende stellt sich tatsächlich noch die Liebe ein. Für wen, das kann ich hier schwer beschreiben.

201610054_2_IMG_543x305
Blackouts werden von Bruno in Kauf genommen

Saint Amour mag vielleicht nicht die Raffinesse von Sideways haben, punktet jedoch mit zum Teil groteskem Esprit. Die Odyssee dieses ungleichen Trios hat so viele aberwitzige Stationen und Erlebnisse, dass es fast schon zuviel des Guten ist. Allein schon die „10 Stufen der Trunkenheit“, die Bruno Mike darlegt, sind urkomisch in Rückblenden bebildert.

Depardieu erdet wieder einmal den Wahnsinn und das Drehbuch hält trotz aller Farce glaubhafte Charakter-Entwicklungen parat. Überhaupt Depardieu: Wie schon vor ein paar Tagen in ‚The End‘, beweist er immer noch eine Klasse für sich zu sein. Als dann am Ende des Films die erwähnte Sprachbox voll ist und keine Nachrichten mehr annimmt, bringt sein Gesichtsausdruck jeden fühlenden Menschen den Tränen nah.

Die Dialoge sind wie die Wendepunkte der Handlung von teils absurder Komik. Beinhalten jedoch immer wieder weise Einsichten. Jean z.B. hat die Angewohnheit, auf die Sprachbox seiner verstorbenen Frau zu plaudern. Als er das Handy an seinen Sohn weiterreicht und auch er a la „Hallo Mama“ vom Tag berichtet, fragt Taxifahrer Mike die Beiden: „Sagtet Ihr nicht, sie sei verstorben ?“ Jean (Depardieu) darauf unbeirrt: „Doch. Aber können sie immer noch erreichen.“

Ich habe nur bedauert, im Berlinale Palast nicht selbst ein schöne Flasche Wein dabei gehabt zu haben.

Und so schließt dieser Berlinale Jahrgang. Zeitweilig haderte ich, weil meine Filmauswahl nicht so stellar treffsicher wie im letzten Jahr war. Doch beschweren kann ich mich wirklich nicht. Und es gibt ja immer Hoffnung auf den nächsten Jahrgang. Sowie, wenn die jetzige Erschöpfung in ein paar Monaten vergessen ist – Vorfreude.

Schreibe einen Kommentar

Zum Kommentieren bitte angezeigten Code eingeben. Please enter code to comment. *