Berlinale 2018, Tag 8: Mutter-Tochter-Mysterium …und der M.C. Escher Film

Die Tage fließen ineindander über. Welcher Wochentag ? Wann habe ich das gesehen? Was steht heute noch auf meinem Programm? Lustgewinn trotz -oder durch Verwirrung. Siehe auch beim letzten Film dieses Tages.

Die andere Seite (Deutschland, Regie: Heinz Paul)

Wohl nur der Tatsache, dass die Machtergreifung der Nazis erst ein Jahr später geschah ist es wohl zu verdanken, dass dieser Film im Jahre 1931 überhaupt noch in Produktion ging. Die Nazis würden z.B. bald Remarques „Im Westen nichts Neues“ verfemen und erfolgreich dafür sorgen, dass die amerikanische Verfilmung von „Der Weg zurück“ vom gleichen Autor in Deutschland so gut wie in der Versenkung verschwand. Letzteren hatte ich 2016 die Ehre auf der Berlinale in restaurierter Fassung zu sehen.

„Die andere Seite“ (nämlich zudem auch noch die der Briten), auf der die Handlung spielt, schildert den Kriegsalltag an der Front des 1.Weltkrieges weniger als Heldenepos oder Abenteuer, sondern als bleiernes, sinnloses und menschenverachtendes Treiben.

Der Plot: „Hauptmann“ (also wohl eher Captain) Stanhope, gespielt von Conrad Veidt, ist ein desillusionierter aber geschätzter Frontoffizier. Er ist im 3.Einsatzjahr auf den Hund gekommen und betäubt seine Verzweiflung mit Alkohol.

Sein Onkel dient als Oberleutnant Osbourne in derselben Kompanie, teilt sich mit ihm und weiteren 3 Schicksalsgenossen ein trostloses Unterstandquartier. Kurz vor der erwarteten Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 wird auch noch sein Schwager in spe, ein kriegsbegeisterter, naiver Jüngling zu ihm versetzt. Er wird beide bald darauf auf eine lebensgefährliche Mission deren Umstände fragwürdig sind. Befehl ist Befehl.

Wenn auch Conrad Veidts Augen manchmal arg weit aufgerissen wurden, so ist es doch sein überzeugendes Spiel zwischen sarkastischer Pflicherfüllung und totaler Desillusionierung, das diesen Film auch nach knapp 80 Jahren noch so eindringlich werden lässt.

Vielleicht gibt es doch Anti-Kriegsfilme. (Siehe Tag 5)

 

La enfermedad del Domingo [Sunday’s illness] (Spanien, Regie: Ramón Salazar)

Ursprünglich ein Verlegenheits-Ticket. Ich hatte diesen Film sehr spät gebucht, weil ich ein anderes gewünschtes Ticket nicht bekommen hatte. Ein verkappter Glücksfall.

Anabel (Susi Sanchez) ist eine Industriellen-Gattin in den besten Kreisen Spaniens. Die langsam alternde Society-Dame ist nach einem ihrer Empfänge schockiert: Als Kellnerin steht ihr mit einem Mal ihre Tochter Chiara(Barbara Lennie) gegenüber. Anabel hatte Chiara und ihren Ehemann einst vor 35 Jahren Knall auf Fall sitzen gelassen.

Eine Begegnung nicht von ungefähr: Chiara präsentiert Anabel kühl einen Deal. Zehn Tage allein mit ihr, dann werde Chiara für immer aus Anabels Leben verschwinden. Aus irgendeinem Grund vertraut Anabel ihr (Schuldgefühle lässt sie nicht durchblicken) -und willigt ein.

So nah werden sie sich in diesem Leben nur noch einmal kommen

Chiara nimmt sie mit in ihr Landhaus. Die verwirrte aber selbstbewusste Anabel weiß nicht, was von ihr verlangt wird. Scheinbar nichts. Außer scheinbar alltäglichen Gesprächen und Verrichtungen lässt Chiara sie zunächst in Ruhe. Bei Besorgungen, später kleinen Ausflügen kommt langsam und fast unmerklich zwischen der Enttäuschten und ihrer Mutter tatsächlich so etwas wie Nähe auf.

Ihre ihr eigentlich fremde Tochter hat scheinbar ein halbwegs zufriedenes Leben geführt. Hat sie ihr vergeben? Was will sie gerade jetzt von ihr? Was Chiara wirklich im Schilde führt, wird Anabel erst sehr spät klar. Der nächste Abschied wird ein ganz anderer sein.

Solche Storys werden meist mit viel mehr Dramatik erzählt. Doch Ramón Salazar verlässt sich von der ersten Minute auf ausgezeichnet komponierte, ruhige Einstellungen, die trotzdem Intensität vermitteln. Mit unfassbarer Ruhe und unfehlbarem Timing inszeniert Salazar, wie sich die beiden Frauen unmerklich näher kommen. In manchen Szenen -wie auch im Kino-Saal hätte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen gehört.

Selten sieht man Kraft und Verletztheit so differenziert kombiniert wie in Barbara Lennies Darstellung von Chiara.  Susi Sanchez steht in ihr in nichts nach, wenn sie zeigt, wie Anabel gleichzeitig versucht ihre Würde zu bewahren – und doch bald ihren gesamten Lebensweg in Frage stellt. Noch dazu sind die intelligenten Dialoge frei von Klischees, präzise gesetzt statt in erklärende Geschwätzigkeit zu verfallen. Hier geht es nicht um Vergebung oder Schuld, hier geht es um das Leben mit den Auswirkungen unserer Entscheidungen.

Mit einem Wort: Bewegend. Für solche Filme lohnen sich die Stunden des Studierens von Infos auf den Programm-Seiten, das Ringen um Tickets, das Hetzen von Kino zu Kino. Großes Kino.

 

Hojoom [Invasion] (Iran, Regie: Shahram Mokri)

Vorab: Selten habe ich mich so hingebungsvoll der Verwirrung hingegeben.

Beim langen Schlangestehen vor dem Vorstellung hörte ich, wie jemand berichtete, der Film sei ein one-take. Oh oh. Nach „Birdman“ und „Victoria“ (letzterer hier grandios vor zwei Jahren) eine wiederholte Masche? So verblüffend es auch sein kann, eine Handlung komplett ohne Schnitt in einer einzigen Einstellung zu drehen – wenn es keinen künstlerischen Grund gibt, ist die Grenze zum Selbstzweck fließend.

Die Handlung entzieht sich jedem Versuch, sie nachzuerzählen. Wie vermittle ich trotzdem, dass das Gesehene unablässig in den Bann zog ? Ein Versuch:

Eine Sportanlage und deren Katakomben. Fortwährende Nacht. Vereinzelt Nebel, teils auch in den unterirdischen Gängen, die verschieden farbig ausgeleuchtet sind. Die Sportart übrigens futuristisch abstrakt.Von einer grassierende Seuche ist die Rede, von Grenzbezirken.

Der einzige konventionelle Ansatz: Offenbar ist ein Mord geschehen und wir beobachten die Ermittler mit der Sportmannschaft  bei der Rekonstruktion. Der geständige Täter soll doch bitte die Ergeignisse zusammen mit den anwesenden Mitgliedern des Sportteams nachspielen. Über den gesamten Verlauf des Films werden Charaktere klarer und ihre Beziehung zueinander scheint sich heraus zu kristallisieren.

Doch immer wieder verlieren wir die Bodenhaftung, verschieben sich Rollen. Bald ahnen wir, dass wir die Handlung  durch Perspektiv-Wechsel wie in einer Schleife wieder und wieder sehen. Akteure wechseln die Rollen, wir verlieren die Bodenhaftung. Kein Entkommen. Ziellose Ermittlungen. Sich verschiebende Allianzen.

Was lauert im nächsten Gang ?

Geht es um Homosexualität ? Einer der Re-Akteure ist die Zwillingsschwester des Ermordeten. Blut, abgezapfter Lebenssaft scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen. Es darf wohl vermutet werden, dass die stark verklausulierte Handlung für diverse heikle Themen in der iranischen Gesellschaft steht.

Wenn es jemals einen Grund gegeben hat einen Film in einer einzigen Einstellung zu drehen, dann war es wohl hier. Denn damit bekam die verwobene bzw. netzartige Dramaturgie eine nochmalige Überhöhung.

Es gab über die Länge des Films beständig Walk-Outs und am Ende war der Applaus nur vereinzelt; von mir jedoch sehr herzhaft.

Und meine Verbeugung, vor der bravourösen Leistung dieses komplexe Treiben und seine zwei Dutzend Hauptakteure punktgenau inszenieren – nochmal: in einer einzigen Einstellung.

Hätten Franz Kafka und MC Escher einen Film zusammen gedreht: so hätte er wohl ausgesehen.

Veröffentlicht unter Allgemein

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