Berlinale 2020, Tag 5: Monkey Business, Reality Show und Internet Irrsinn

Eeb Allay Ooo! (Indien, Regie: Pratek Vats)

Anjani ist nicht gerade ein Naturtalent in seinem neuem Job: Mit einiger Mühe hat ihm sein Schwager eine Chance als Affen-Vertreiber im Regierungs-Viertel Delhis verschafft. Die wilden Affen werden dort zur Plage, sind gläubigen Hindus jedoch auch heilig und dürfen nicht verletzt werden.

Anjanis ältere Schwester ist schwanger und jobbt in Heimarbeit, ihr in die Jahre kommender Mann ist Aufseher in einem Freizeitpark. Gemeinsam leben sie  Nur so kommen sie so gerade über die Runden, gemeinsam auf kleinstem Raum in einem Slum am Stadtrand lebend.

Genau genommen hat Anjani mehr Angst vor den Affen als es eigentlich anders herum sein sollte. Niemand seiner Kollegen nimmt ihn für voll, einzig Mahinder wird zu einem Freund und versucht ihn erfolglos in den Schlachtruf „Eeb Allay Ooo“ einzuweihen, seine Stimme laut zu erheben. Erfolglos.

Irgendwann macht Anjani sich dann wortwörtlich zum Affen, zunächst mit verblüffendem Erfolg. Doch so einfach ist auch das nicht. Zumal auch Schwester und Schwager drauf und dran sind, ihre Jobs zu verlieren.

© Saumyananda Sahi/NaMa Productions

Pratek Vats sieht seinen Film durchaus in Kontrast zu Bollywood Eskapismus. Dennoch unterhält er uns über weite Strecken mit Anjanis irrwitzigen Versuchen, der Lage Herr zu werden. Großen Anteil hat die Authenzität, die Hauptdarsteller Shardul Bhardwaj herüber bringt. Wenn Regisseur Vats seinen Protagonisten auch kein klassisches Happy End gönnt, so zeigt er doch Hoffnung. Diese Menschen wollen kein Mitleid, keine Handouts. Nur ihre Chance.

Der am Ende stehende Straßen-Karneval darf laut Regisseur sinnbildlich für Gewaltausbrüche stehen, die mittlerweile im politischen Klima Indiens an der Tagesordnung sind. Wie just wieder beim Besuch Donald Trumps. Und wie auch schon zu den Commonwealth Spielen. Bei beiden Anlässen seien Slums und Probleme bloß kaschiert worden


Yalda, la nuit du pardon [Yalda, a Night for Forgiveness] (Iran, Regie:Massoud Bakhshi)

Der Grundidee des Filmes würde der TV Serie ‚Black Mirror‘ Ehre machen – und basiert laut Regisseur Bakhshi auf einer iranischen Show namens „Honey Moon“ .Dort engagierten sich bei einer bestimmten Episode Millionen online..dort allerdings gegen Vergebung und für den Tod des Verurteilten. 

Eine Reality Show im iranischen TV, in der es um Schuldfälle geht. Genauer gesagt, in der sich Verurteilte und Geschädigte beziehungsweise Hinterbliebene mit Moderator im Studio gegenüber treten. Denn nach Scharia Recht nur die Opfer-Familie Vergebung erteilen…oder aber auf Auge um Auge bestehen – und der Iran praktiziert die Todesstrafe.

Maryam wurde als Jugendliche von ihrem Arbeitgeber, dem Industriellen Zia gefreit. Heirat, baldige Schwangerschaft. Nach einer Handgreiflichkeit und darauffolgenden Unfalltod Zias sieht Maryam sich zwischen unterlassenen Hilfeleistung oder fahrlässiger Tötung schuldig befunden.

© JBA Production

Mona Zia, Tochter und potenzielle Erbin des Industriellen glaubt den Beteuerungen Maryams nicht. Die plötzliche Schwangerschaft ist für sie Hinweis, dass Maryam bloß um Geld ging.

All dies erleben wir im TV Studio, der Garderobe, dem Regieraum im Verlauf eines Abends. TV-Regisseur und Produzent bedacht, außer einer Vergebung eine reibungslose Show zu produzieren. Die Zuschauer sind aufgerufen, per SMS oder Anruf abzustimmen und somit „Blutgeld“ (sprich Entschädigung) zu sammeln.

Lage um Lage entfaltet Massoud Bakhshi diese abgründige und an Wendungen nicht arme Geschichte: Die Tochter des Toten offenbart uns erst langsam ihr wahres Gesicht und Motive. Die Angeklagte ist vielleicht nicht so unschuldig, wie wir annahmen. Deren Mutter aber toppt das alles noch.

Man ertappt sich dabei, eine Parabel auf das politische System im Iran zu suchen. Doch allein schon als Sitten- und Gesellschaftsbild des Landes ist „Yalda“ sehr sehenswert.

Bakhshi begann mit Dokumentarfilmen. Er bestand für Yalda auf weitgehenden Verzicht von klassischen Setups und überzeugte Kameramann Julian Atanasssov, sich auf Handkamera zu verlassen.Immer wieder die Akteure und deren Seelen-Leben in Großaufnahmen erfassend.

Einige auf zwei Minuten angelegte Szenen zum Beispiel bekamen eine Eigendynamik und man ließ einfach weiterlaufen.

Nebenbei gesagt: die Vogelschau Aufnahmen offenbarten, was für eine riesige Metropole Teheran ist. Kameramann xx berichtete zudem, dass er bei Ankunft dort seinen Augen nicht traute. Es sei dort ein ganz eigene Art der Beleuchtung vorherrschend.

Übrigens: die oben erwähnte iranische Show „Honey Moon“ wurde letztes Jahr eingestellt. Der Regisseur vermag nicht zu sagen, ob als Nachwirkung von „Yalda“, der z.B. bereits einen Preis im Sundance Festival gewann… Auf der Berlinale allerdings im Jugendprogramm „Generation 14plus“ (!)

Effacer l’historique [Delete history] (Frankreich, Belgien; Regie:Benoît Delépine, Gustave Kervern)

Solch ein Film hätte auch gut zum persönlichen Abschlussfilm gereicht. Wie Saint Amour vom gleichen Regie-Duo vor vier Jahren.

Doch wo im Road Movie ‚Saint Amour‘ bei allem Aberwitz sich eine wehmütige Vater Sohn Geschichte heraus schälte, kommt ‚Effacer l’historique‘ über weite Stecken wie ein Sammelsurium, eine Revue von irrwitzigen Situationen des Internet-Alltags daher.

Nicht das es nicht unterhaltsam wäre: In den nächsten Berlinale-Tagen werde ich wohl kaum so viel und herzhaft lachen wie heute abend!

In der Massierung tragen die Regisseure und Autoren Delépine und Kervern jedoch etwas zu dick auf… Zugegeben, der Film möchte nicht mehr und nicht weniger sein als eine -notwendige- Farce, wie wir uns im so genannten modernen Leben zum Affen machen (lassen). Online und offline.

Zu dem, was als Gerüst dient: In einer Kleinstadt-Siedlung in Hauts-de-France unterstützen sich drei Nachbarn bei ihren neuzeitlichen Problemen:

Marie hat ihren einstigen Job im Atomkraftwerk hatte Marie verloren, als sie ausgelöst durch ihre TV-Seriensucht einen Unfall auslöste. Jetzt verdingt sich als „Mietwagen“ Fahrerin (Uber war offenbar nicht so happy über eine Nennung wie Google und Facebook). Und hadert, dass trotz all ihrer Bemühungen es nur 1-Sterne Bewertungen hagelt.

Bertrand ist allein erziehender Witwer, lebt durch Verlockungen von Online-Anschaffungskrediten bis zum Hals in Schulden. Er klickt fast alles an, was sich ihm anbietet. Seine wohlwollende Tochter ist unterdessen just Cybermobbing-Opfer geworden und kann nicht mehr schlafen.

Die konfuse Christine wurde von Mann und Sohn verlassen und verschweigt, dass sie allein im fast leeren Haus wohnt. Ihre Angst, sich vom geliebten Sohn zu entfremden wird noch verstärkt: Ihr droht, dass ein Sexvideo veröffentlicht wird, welches ein skrupelloser Jüngling nach einer whiskyseligen Barnacht mit ihr gedreht hat.

Allesamt sympathische Loser, hatten sich Marie, Bertrand, Christine seinerzeit bei den Gelbwesten-Protesten kennen gelernt. Aus der Nostalgie daran ziehen sie den Beschluss, dass etwas geschehen muss. Zwei von ihnen planen, Google bzw. Facebook heimzusuchen.

Bevor es dazu kommt, erleben wir mit ihnen absurd-komische Situationen. Endlos-abstruse Online-Sicherheitsabfragen, vergessene Abos, Werbeanrufe durch eine verführerische Stimme, Paketverfolgung im Suez-Kanal, Einschreiben in 50km entfernten „Bezirks“-Postämtern, Klick-Farmen in Fernost, Passwörter-Verstecke im Gefrierfach, Mineralwasser-Lieferung durch den schweißüberströmten „Alimazon“-Boten. „Sie sehen geschafft aus, na bald geht’s in Rente.“ „Ich bin 35“.

Dabei touchieren wir die tatsächlichen Skandale nur, wenn z.B. für diesen Boten des Internetriesen eine Welt zusammen bricht: Christine hat Kaffee auf seine Lieferliste gekleckert und nun befürchtet der Untröstliche heulend, wegen unerlaubter Pause gekündigt zu werden.

Tatsächlich ad absurdum dann, wenn gleich beim Abspann die Smartphone Bildschirme im Publikum wieder angehen – und auch ich shazam-recherchiere, welcher Song denn da bei den Schlusstiteln gespielt wird…

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